Frogmusic

Harald Braem

ISBN: 978-3-928905-25-1
Seitenzahl: 111
Verarbeitung: Broschur
Preis: 10,00 EUR

Science Fiction, editionX Band 5, 4-Farb-Cover von Dieter Rose
Homepage Harald Braem


Leseprobe
"Wo hast du gesteckt?" fragte Barren angriffslustig. "Wir haben dich überall gesucht!"
"Warum? Was ist los?" fragte Cris zurück.
"Nichts", erklärte Barren und verzog das Gesicht. "Das ist es ja gerade. Es ist zum Sterben langweilig."
Cris verstand: die große Sommermüdigkeit hatte nun auch die Frogs ergriffen. Und er verstand noch mehr: sie hatten ihn akzeptiert. Endlich gehörte er zu ihnen.
Sie gingen nebeneinander durchs Viertel. An der Ecke der Basargasse, dort, wo die Arkaden der 16. Straße begannen, stießen sie auf Ock, Tann und Enno, bei denen sich auch die Jungen der 12. Straße befanden, mit denen er zwei Nächte in der Nische verbracht hatte. Sie lungerten herum und schienen auf Enno und Cris gewartet zu haben.
"Gut drauf?" fragte Cris.
Enno blies die Backen auf und stieß eine Serie Unkenrufe aus. Frog, Frog, Frog. Es war gut.
Cris nickte. Stumm setzte er sich an die Spitze der Gruppe und begann zu laufen. Nicht allzu schnell, eher gemächlich, gerade so, daß es Spaß machte. Ziellos, übermütig, suchend. Die Amöbe quoll durch die Straßen, tentakelte prüfend in die Winkel der Arkaden hinein, riß unterwegs drei weitere Frogs mit, die gelangweilt im Halbdunkel eines Torbogens gesessen hatten und sich kurzentschlossen anhängten, als die Gang vorbeilief.
Das ging noch eine Weile so, bis sie zum Zentrum der U-Bahn kamen und in die B-Ebene hinunterstiegen. Hier, im Nabel der City, umwogt vom nicht abreißenden Strom eiliger Cleaner, fanden sie ihren Platz. Er lag günstig auf einem gekachelten Forum zwischen Säulen und bot ausreichend Fluchtmöglichkeiten. Nachdem sie sich niedergelassen hatten, stimmten Ock und Tann den Grundrhythmus an. Nach kurzer Warmspielphase fiel Cris mit seinen Froglauten ein. Er hatte keine Trommel dabei und war ganz seine Stimme angewiesen. Barren war die erste, die ihm Antwort gab, dann folgten die anderen. Eine Art Kanon entstand. Die Klänge, obwohl auf gutturale Laute ohne Sinngehalt reduziert, begannen, sich allmählich zu vermischen und zu einer Gesamtmelodie zu verdichten. Das war Frogmusic. So mußte sie sein. Klar, Trommeln allein war zu wenig. Um das auszudrücken, was sie empfanden, waren die Stimmen unersetzlich.
Ein paar Leute blieben stehen und schüttelten verwundert den Kopf. Sicherlich boten sie mit ihrer wilden Kleidung und den tätowierten Gesichtern einen provozierenden Anblick. Aber so ganz abweisend waren die Cleanen nicht. Da kam schon mal ein Grinsen auf, ein verwirrtes Lächeln. Schließlich begannnen, wie schon neulich auf dem Platz der Arbeit, einige Kids zu tanzen. Cris konzentrierte sich auf Barren, bis er sah, daß sie ihre Rufe zu den Tanzenden sandte. Da machte auch er mit, ließ die Marionetten an unsichtbar gespannten Fäden hüpfen und ihre Glieder sich in immer neuen akrobatischen Variationen verrenken.
Bald waren sie von einer Schar Tanzender umringt. Wie leicht da der Funke übersprang und zu einem Flächenbrand führte, zu einer Ekstase, wie er sie selbst im Herzen der großen Trommel erlebt hatte. Und er fühlte es noch. Wenn er die Augen schloß, schwoll die Musik an, bekam eine Intensität, die heiß und fordernd und unerbittlich war. Frogmusic, Frog, Frog, Frogmusic. Trotzdem fehlte etwas.
Auf dem Höhepunkt brach er ab und hörte im Einverständnis mit den anderen auf. Sie blickten sich an und fanden sich schön. Wilde, erhitzte Gesichter mit bizarren Zeichnungen, die voll Leben waren und zu vibrieren schienen, schön und exotisch, jeder für sich ein Kunstwerk.
Er rannte los, und die Gang folgte ihm durchs Gewirr der Straßen und Gassen, bis sie wieder einen ähnlichen Platz wie den anderen erreichten, eine Anlage in der Nähe der großen, belebten 14. Straße.
Und wieder begann das Spiel. Kaum hatten sie sich niedergelassen und sich mit ihren neuen Geräuschen in die Umgebnung eingestimmt, blieben die Leute stehen und begannen zu tanzen.
Schließlich landeten sie leer und völlig erschöpft im Haus mit den abgestürzten Balkons. In der Wohnung warfen sie sich nieder, jeder gerade da, wo er stand, müde und glücklich, und störten sich nicht an den herumlaufenden Kakerlaken. Der Tag war top, die City war gut, irgendwie hatten sie plötzlich die Stadt im Griff.
Und das Gefühl, erst am Anfang zu sein. Tausendzünder, eine Amöbe mit Kraft, eine, die Musik zu machen verstand, daß es von den Zehen bis zum Kopf ging und zurück! Eine Gang, dachte Cris, mit der man etwas anfangen konnte. Wer hätte das gedacht, als der heiße Sommer begann?
Cris streckte sich auf der schmutzigen Decke aus, döste und kam erst wieder zu sich, als Essensduft aus der Küche kam. Einer der Jungen aus der 12. Straße hatte gekocht.
"Frog", sagte Barren begeistert.
"Frog, Frog", antwortete Cris anerkennend.
"Frog, Frog, Frog!" riefen die anderen und klapperten rhythmisch mit Besteck und Schüsseln.