|
 |
Mit Gottvertrauen, Hörrohr und Glück
Luise "Tiedje" Wiese
ISBN: 978-3-928905-15-2
Seitenzahl: 72
Verarbeitung: Broschur
Preis: 8,50 EUR
z.Zt. vergriffen
Fünfte erweiterte Auflage, zweifarbiger Umschlag, 14,8 x 21 cm, mit Illustrationen von Mirja Biel, Titelfoto: Heidi Krautwald
Homepage Luise und Herbert Wiese |
|
Leseprobe
|
Die Versöhnung, Seite 30
Etwa drei Kilometer von Lütjenburg entfernt liegt das Dorf Darry. Man
könnte es als typisches Handwerkerdorf bezeichnen. Neben einigen
wenigen Bauern, einem Dorfkrug und bis vor kurzem einem
"Tante-Emma-Laden" siedelten sich dort vornehmlich Bauhandwerker an.
Die einzelnen schmucken Häuser auf den sauberen Grundstücken machen den
Eindruck als hätten sie gerade an dem Wettbewerb um das "Schönste Dorf"
teilgenommen.
In einem am Hang gelegenen Doppelhaus lebten die Familien Brand und
Lühr. Bei der Familie Lühr hatte ich schon drei Kindern mit auf die
Welt geholfen. Während dieser Zeit hatten die Brands echte
Nachbarschaftshilfe geleistet. Umgekehrt, wenn sich bei Brands
Nachwuchs einstellte, kümmerte sich Ella Lühr um die ganze Familie.
Ich war gerade dabei, zu überlegen, wen ich auf meiner Besuchstour zu
den Neugeborenen mit ihren Müttern zuerst besuchen sollte, als das
Telefon läutete.
"Hier spricht Ella Lühr, könnten Sie wohl recht bald zu mir kommen? Ich
glaube, es ist soweit. Ich bin hier mit den Kindern allein. Als mein
Mann um fünf Uhr zur Arbeit fuhr, merkte ich noch gar nichts!"
"Ich mache mich gleich auf den Weg!" beruhigte ich sie. Das
Arbeitsprogramm wurde geändert, mit Walda, unserer Wirtschafterin,
besprach ich, wie und wo ich telefonisch zu erreichen war und was es
für meine Familie zum Essen geben sollte. Die drei Kilometer nach Darry
wurden mit dem Auto schnell zurückgelegt. Dort empfing mich die
wartende Mutter mit ihren drei Kindern im Alter von zwei, drei und fünf
Jahren.
"Frau Lühr, wo bleiben die Kinder, wenn ich Sie untersuche?" ein
bißchen bedrückt antwortete sie: "Mit Brandt´s schnackt wiall een ganze
Tied nich mehr!" Ich versuchte erst einmal das Problem mit einem
Märchen vom Klapperstorch zu lösen. Zu den Kindern sagte ich: "So, nun
will ich euch mal was Schönes erzählen. Heute bringt der Klapperstorch
euch noch ein Baby. Stellt euch jetzt bitte mal vor die Gartenpforte
und guckt, wann er kommt. Sobald ihr ihn seht, sagt ihr uns Bescheid.
Mama und ich machen jetzt das Körbchen im Schlafzimmer fertig!"
Auf meinen Einfall war ich ganz stolz und dachte, die drei sind wir
erst einmal los! Mir blieb gerade so viel Zeit, um meine Patientin zu
untersuchen, als die Kinder heftig an die Tür klopften und riefen: "Du
Tante, de Srorch kümmt immer noch ni!" Das wiederholte sich in den
nächsten dreißig Minuten laufend. Langsam entwickelten sich die
Ereignisse zu einem Risiko. Für den Notfall benötigte ich auch einen
Boten, der den Arzt rufen konnte. Also ließ ich die Frau Lühr wissen:
"Ich gehe jetzt zur Nachbarin, um zu fragen, ob die Kinder bei ihr
bleiben dürfen und ob sie uns notfalls helfen will. Von mir aus könnt
ihr morgen weitermaulen!" Ohne eine Antwort abzuwarten, klingelte ich
bei Frau Brandt und äußerte mein Anliegen.
"Natürlich nehm ik de Kinner. As ik se ehr Auto sehn heff, heff ik mi
al meist sowat dacht. De Mannslüüd kregen sik bi dat Diskoteern üm de
Politik bi de Köpp, sieht dem is Funkstille! So wat Verrücktes!"
Endlich konnte ich mich um die von Schmerzen geschüttelte Mutter
kümmern. Die Geburt schritt eiligst voran. Die Nachbarin kam sogar, um
uns zu helfen. Sie sorgte für warmes Wasser und was man sonst noch
alles benötigt. Punkt zwölf Uhr erblickte ein gesundes, rosiges,
kleines Mädchen diese Welt und das Gesicht einer sehr freundlichen
Nachbarin Brandt. Glücklich über den unkomplizierten Ablauf
gratulierten wir der tapferen Ella. Alles freute sich. Das "Maulen" war
vergessen. Beruhigt konnte ich auch zwei Stunden später dieses Haus
verlassen, weil die Nachbarin sich erbot, auf alle aufzupassen, bis der
ahnungslose Ehemann von seiner Arbeit heimkehrte. Wie üblich erschien
ich am nächsten Morgen zum Wochenbesuch. Auf mich wartete aber eine
besondere Überraschung. In dem Ehebett neben der Mutter schnarchte
lautstark der frisch gebackene Vater Lühr. "Nanu" fragte ich, "wat is
mit ehr'n Mann los? He is doch nich krank?"
"Ne", lachte Frau Lühr, "de beiden Mannslüüd hebbt op de lütt Dochter
un de Versöhnung so lang drunken, bet mien Mann hackenvull in sien Bett
kippt is. Keen een kunn em hüüt morgen munter kriegen. Aver wi sünd all
froh, datt dat Muhlen een Enn hett. Dat leevt sik doch beter in
Freeden!" |
| Kieler Nachrichten / Ostholsteiner Zeitung vom 4. Februar 2011 |
| Eckernförder Zeitung vom 18. April 2009 |
|
|