Das Abenteuer Leben

Luise "Tiedje" Wiese

ISBN: 978-3-928905-16-9
Seitenzahl: 95
Verarbeitung: Broschur
Preis: 8,50 EUR

Zweiter Band mit den Erzählungen einer Landhebamme aus den 50er und 60er Jahren. Zweifarbiger Umschlag,14,8 x 21 cm, mit Illustrationen von Mirja Biel, Titelfoto von Heidi Krautwald. 2. Auflage.
Homepage Luise und Herbert Wiese


Leseprobe
Einige Erlebnisse zum Schmunzeln, Seite 84

Bei dem Ehepaar Schäfer wurde das erste Kind erwartet. Telefonisch bat mich die junge Frau um einen Hausbesuch. Noch am gleichen Vormittag suchte ich die Leute auf. In einem hübschen Einfamilienhaus traf ich Frau und Mann an. Nach einer ausgiebigen Beratung untersuchte ich meine Patientin und stellte fest, dass alles regelrecht war und das Kind schon die Ausgangsstellung eingenommen hatte. Als ich mich verabschieden wollte, bat mich der Ehemann ein bißchen verlegen: "Bitte! Könnten Sie meinen Bauch nicht auch einmal untersuchen?!" Ich wollte fast fragen: "Soll das ein Witz sein?" Aber ein Blick in sein Gesicht! Und ich fragte ihn: "Haben sie denn Bauchschmerzen? Und seit wann?" "Und ob! Seit heute Nacht schon", antwortete er. Gesagt, getan, präsentierte er ein wenig zögernd seinenLeib. Vorsichtig tastete ich ihn ab, drückte einmal kräftig drauf und ließ forsch los. Er schrie laut auf. "Ich vermute, der Urheber ihrer Beschwerden ist der Blinddarm. Ich rate ihnen, sofort ihren Hausarzt anzurufen!" Er bedankte sich, und ich verabschiedete mich von dem Ehepaar. Am späten Abend erhielt ich erneut einen Anruf von Frau Schäfer. Sie berichtete, dass ihr Mann schon operiert sei. "Aber jetzt habe ich Beschwerden, Schmerzen, die vom Rücken bis in den Unterleib ziehen!" Ich ahnte schon, welcher Art dieses Ziehen sein könnte. Offensichtlich hatte die Aufregung und die Sorge um ihren Mann bei ihr vorzeitige Wehen ausgelöst. Wir landeten also im gleichen Krankenhaus. Wenige Stunden später gebar Frau Schäfer ein kleines Mädchen, fünf Pfund schwer und absolut lebensfähig. Von diesen Ereignissen wußte bis dahin Herr Schäfer nichts. Mit dem kleinen Bündel im Arm begab ich mich auf die Männerstation, die sich eine Treppe tiefer befand. Leise öffnete ich die Tür zu dem Drei-Betten-Zimmer. "Schwester, hier sind se verkehrt! Wat wollen se mit dem Balg hier? De Frauenstation ist eine Treppe über uns!" scholl es mir entgegen. "Das weiß ich alles, keine Sorge! Aber dieses Mädchen möchte seinen Vater, Herrn Schäfer kennenlernen!" "Das kann doch nicht wahr sei?" rief es aus dem letzten Bett. Ich legte ihm seine Tochter in den Arm. Mit Freudentränen in den Augen bewunderte er das kleine Wesen. Dann verabschiedeten wir uns für's erste. Zehn Tage später kehrte die dreiköpfige Familie heim.


Eckernförder Zeitung vom 18. April 2009