Kalli, der Deutz

Gerd Freitag

ISBN: 978-3-928905-92-3
Seitenzahl: 124
Verarbeitung: Taschenbuch
Preis: 9,90 Euro
vergriffen

Wir schreiben das Jahr 1955.
Eine bäuerliche Großfamilie in einem Dorf in der Tönkerei (Ostholstein) am Selenter See, steht, wie viele andere, am Anfang einer neuen Zeit in der Landwirtschaft.

Was bringt die neue Zeit?
Telefon, Waschmaschine, Melkmaschine, Jauchegrube, Land zupachten, Elektro-Weidezaun, Führerschein, Umstellung von Pferde- auf Traktorbetrieb, Reuterheber, gummibereifter Anhänger, Kraftheber-Pflug und auch eine neue Frisur bei der Bäuerin.

Soweit die neue Zeit aus der Sicht der Menschen. Aber es gibt ja auch Tiere auf dem Hof, die sich Gedanken und Sorgen machen.

Auch eine Maschine hat eine Seele und Gefühle, nämlich Kalli, der Deutz-Trecker ...


Leseprobe

Die neue Zeit

Wir schreiben das Jahr 1955, ein Sonntag im Mai, der Ort ein Dorf in Schleswig-Holstein, in der Tönkerei, der Bauernhof von Familie Landsberger.
Heute hat Altbauer Olli Gerstenkorn Geburtstag und alle Familienmitglieder sitzen in der großen Küche am langen Tisch beim Mittagessen. Alle Familienmitglieder? Das heißt folgende Personen: Altbauer Opa Olli Gerstenkorn und Altbäuerin (Tiller) Mathilde Gerstenkorn und Schwiegersohn und junger Bauer Hans Georg Landsberger, genannt Hansi und seine Frau, Bäuerin Helene Landsberger, geborene Gerstenkorn, genannt Heli, und Tochter Gertrud Maria Landsberger, genannt Trude, und Tochter Marie Frida Landsberger, genannt Marie, und der Sohn und spätere Hoferbe Eduard Landsberger, genannt Edi.
Mit respektvollem Abstand sitzt der Hund Mischi und auf der Fensterbank liegt die Katze Stinka. Die Frauen haben sich bei der Zubereitung des Geburtstagsmahls mal wieder übertroffen, alles, was auf den Tisch kam, war tadellos und einige leckten noch den Teller ab, so dass fast nichts mehr für den Hund und die Katze übrig war. Der Mai war so schön, dass man gut nach dem Essen auf der Terrasse zum Rauchen sitzen konnte.
Bauer und Altbauer rauchten zur Feier des Tages Zigarre. Sohn Edi setzte sich dazu. Opa Olli paffte Kringel in die Luft. Bauer Hansi ergriff das Wort: „Ich muss was mit euch bereden.“ „Schieß los!“, sagte Opa Olli.
„Es geht um Edi seine Lehre, ich hab mit PS gesprochen, er kann sich als Landmaschinenmechaniker mit den nötigen Unterlagen bewerben.“
„Wer ist PS?“, fragte Opa Olli.
„Das ist der Meister bei der Landmaschinen-Vertretung in der Stadt bei Firma Sven Kurbelnocke, der Meister heißt Peter Schuster, aber alle sagen PS.“
„Ja will der Junge das denn lernen?“, fragte Opa Olli und sah seinen Enkel dabei an. Der nickte kräftig mit dem Kopf und lächelte dabei.
„Drei Jahre Lehrzeit und dann sehen wir weiter“, meinte sein Vater.
„Leider sind meine Zeugnisse nicht gerade die besten“, sagte Edi leise und sah Opa dabei nachdenklich an.
„Wenn´s weiter nichts ist“, meinte Opa, „das kriegen wir hin.“
„Wie meinst du?“, fragte sein Schwiegersohn, der Bauer.
„Na ist doch ganz einfach, du gehst mit dem Jung’ hin zur Vorstellung, und wenn du meinst, das wird nichts, dann sagst du ganz nebenbei, dass du darüber nachdenkst, einen Trecker zu kaufen. Sollst mal sehen, was dann passiert, das bleibt ja nicht nur beim Trecker, da muss ja auch einiges an Gerätschaften mit angeschafft werden.“
„Vater“, sagte sein Schwiegersohn, „du erzählst was!“
„Na“, sagte Opa Olli, „erzähl mal, wie´s gelaufen ist, wenn ihr da wart.“
Nun ging die Diskussion in die Tiefe. War denn schon der richtige Zeitpunkt, den Betrieb auf Trecker umzustellen? „Ja, klar“, meinte Edi, „wir müssen mit der Zeit gehen und ich habe gehört, dass Opa Mommsen sein Land verpachten will, weil er alt ist und sein Sohn im Krieg verschollen ist. Und nächsten Monat bekommt der Bürgermeister Franz Hektar eine Westfalia Melkmaschine, das müssen wir uns mal ansehen.“
„Ja“, sagte der Bauer, „das machen wir, aber da müssen wir Mutter mitnehmen.“
„Ich will auch mit“, sagte Opa Olli, „und das mit dem Landpachten ist erste Priorität, bevor uns noch einer zuvorkommt. Opa Mommsen sein ganzes Land grenzt an unseres und es ist gutes Land.“
Auf der Terrasse deckten die Frauen den Kaffeetisch.
„Wessen Land wollt ihr pachten?“, fragte Bäuerin Heli in die Runde.
„Opa Mommsen seins“, sagte Edi.
„Und soll ich denn noch mehr Kühe melken?“, fragte Heli in Richtung des Bauern.
Der zog die Schultern hoch, sah seine Frau nachdenklich an und meinte: „Wenn ja, dann nur mit einer Melkmaschine.“ Die Bäuerin ging leicht kopfschüttelnd in die Küche, um heißes Wasser in den Kaffeefilter zu gießen.
Jetzt meldete sich Hansi. „Ich traf neulich meinen Bruder in der Stadt. Er arbeitet seit einem Jahr in Kiel bei der Landesregierung. Der sagte zu mir, kauf und pachte alles Land was du bei euch kriegen kannst. Die Deutschen haben Hunger auf alles, und in den nächsten dreißig Jahren werden wir ständig Zuwächse haben.“
Die Bäuerin kam mit dem Kaffee in einer wunderschönen, wertvollen Porzellankanne, und alle waren wieder auf der Terrasse vereint.
„Wieviel Hektar hat Opa Mommsen?“, fragte Heli und sah ihren Vater dabei an.
Der hatte die Antwort sofort parat: „Elf Hektar in Weide und achtzehn Hektar unter dem Pflug, sechs Pferde vor dem Krieg. Das sind neunundzwanzig Hektar und wir haben fünfunddreißig, das sind zusammen vierundsechzig mein Lieber, da kannst du was mit anfangen!“
„Langsam“, meinte der Bauer, „da sind noch mehr, die gern was pachten möchten. Und wie ich Opa Mommsen kenne, wird er jedem etwas geben, damit Frieden im Dorf ist. Morgen geh ich zu Mommsen und rede mit ihm.“
„Gut so“, sagte Opa Olli und nahm sich noch ein Stück von dem selbstgebackenen Kuchen.
Danach wurde noch über alles und jedes geredet, auch über die Tochter Trude. Sie kommt dieses Jahr aus der Schule und was wird jetzt weiter? Sie wolle gern nach Amerika und da etwas lernen, was mit Hotelwesen zu tun hat.
„Amerika?“, Opa Olli ist erstaunt.
„Ja“, meinte Trude. „Onkel Franz hat in Miami, das liegt in Florida, ein großes Hotel, da könnte ich ein Jahr arbeiten und Englisch lernen. Danach gehe ich nach New York und lerne Hotelfachfrau.“
„Na, du hast ja was vor!“, sagte ihre Oma Mathilde.
„Ich finde das gut“, sagte Edi, „da kann ich sie ja mal besuchen.“
„Und ich auch“, sagte ganz beflissen ihre Schwester Marie. „Du solltest gleich heute Abend nach Amerika schreiben.“ „Nun man langsam mit die jungen Pferde!“, meinte der Bauer. „Es wäre aber machbar“, meinte Heli, „wenn ich noch jung und ledig wäre, ich weiß nicht …“
„Hört, hört!“, sagte Trude. „Mutter hat Frühlingsgefühle“, – und alle lachten.
Horni der Zwergziegenbock schleichte inzwischen um die Hausecke und kam langsam an den Tisch.
„Wer hat denn wieder das Gartentor aufgelassen?“, fragte Heli in die Runde und gab Horni einen Keks.
„Der springt doch glatt über den Maschendrahtzaun“, meinte Marie, „und gestoßen hat er mich gestern auch ganz doll.“
„Und? Hast du ihm mit dem Stock ein paar übergezogen?“, fragte Opa Olli.
„Wie denn?“, sagte Marie, „er läuft ja immer gleich weg und klettert auf das Schuppendach.“
„Ja, der ist schlau“, meinte Edi, „aber mir tut er nichts mehr. Ich hab ihn mal in die Ecke getrieben und hab ihn ordentlich versohlt, bis der Stock entzwei war.“
Der Hund bellte und Heli hob den Kopf. Oma Mathilde hielt eine Hand ans linke Ohr. Der Bauer sagte: „Hört mal, da kommt einer mit einem Trecker zu uns!“
Edi lief zum Rundweg und schaute in Richtung Dorf. „Ja“, rief er, „da kommt ein Trecker zu uns, mit einem Mann und einer Frau drauf.“
„Wer ist das?“, fragte Olli.
„Kann ich noch nicht erkennen“, erwiderte Edi.
Opa Olli brummte vor sich hin: „Wer kann das sein?“
„Egal, wer es ist“, sagte Heli, „es ist noch Kuchen und Kaffee genug da.“
Auf dem Rundweg hörte der Hund jetzt auf zu bellen.
„Das ist einer, den wir kennen“, meinte der Bauer.
Nun rief Edi: „Es ist Willi Jensen und seine Frau mit einem nagelneuen Fahr-Trecker!“
Opa Olli spazierte zum Rundweg. „Der alte Schweinemajor geht aber ran, das muss ich mir erst mal ansehen.“
Nachbar Willi Jensen hielt vor der Gartenpforte an und stellte den Trecker ab. Opa Olli ging sofort von hinten an den Trecker ran und bot ganz galant Frau Jensen seine Hilfe beim Absteigen an. „Na“, sagte Opa Olli zu Frau Jensen, „hast du jetzt einen Privat-Chauffeur?“
„Ja“, meinte sie, „aber die Straßen müssen besser werden, mir tut der Rücken ganz schön weh.“ Sie bog sich hin und her, um sich zu entspannen.
Mittlerweile umrundeten alle den schönen, neuen roten Trecker.
„Hast du dir den gekauft?“, fragte der Bauer Hansi seinen Nachbarn. „Ja, am Freitag haben sie ihn gebracht.“
„Wer?“, fragte Hansi.
„Na, Firma Landmaschinen Sonntag.“
„Darf ich mich mal raufsetzen?“, fragte Edi den neuen stolzen Treckerbesitzer.
„Ja, aber nichts bewegen“, meinte Willi Jensen. Und schwups war Edi auf dem Sitz und saugte sich an dem was er sah, fest.
„Erzähl mal, Willi, was der alles so hat und kann!“, sagte der Bauer Hansi zu Jensen.
Willis Frau war schon mit Heli in Richtung Terrasse unterwegs und zeigte stolz ihr Kleid. „Wenn der Chef einen Traktor bekommt, ist jetzt wohl ein neues Kleid für die Madame das wenigste“, meinte sie lachend und bekam allgemeine Zustimmung. Sie nahm am Kaffeetisch Platz, faltete die Hände vor der Brust und ließ sich bedienen.
Jetzt fing Willi an zu erzählen. „Das ist ein Fahr 025 N, der hat ´nen Deutz-Motor mit Diesel und 25 PS. Außerdem kann man einen Mähbalken anbauen, der läuft so 20 Sachen in der Stunde und er hat auch eine Zapfwelle.“
„Auch eine Riemenscheibe?“, rief Opa Olli von der anderen Seite des Traktors.
„Ja“, meinte Willi, „die werde ich wohl nie gebrauchen.“
„Und was wird mit deinen Pferden?“, fragte Bauer Hansi.
„Die kommen alle weg, bis auf eines, aber erst wenn der Schmied die Bodenbearbeitungs-Gerätschaften auf Treckerbetrieb umgerüstet hat.“
„Und was ist mit Selbstbinder und Grasmäher?“, fragte Edi. „Sie bekommen alle eine Treckerdeichsel, so wie auch die Wagen und der Heukehrer, bis auf die Heuharke und den Einspänner.“
„Na, da hat der Schmied U.W. ja was zu tun!“
„Das ist nicht so schlimm“, meinte Willi, „die machen ja seit einiger Zeit so was immer öfter. Der Hufbeschlag wird zunehmend weniger und immer mehr Bauern lassen sich neue Achsen mit Gummirädern unter ihre Ackerwagen bauen.“
„Kann der auch nee Schlöp ziehen?“, fragte Opa Olli.
„Na, was glaubst du wohl“, antwortete Willi, „der kann ganz viel ziehen, 30 Zentner auf den Wagen macht dem gar nichts aus.“
„Na, dat kiek ich mi aber an“, meinte der Bauer Hansi.
„Aber ein schmucken Trecker is dat, Willi!“, meinte Opa Olli und ging zur Terrasse.
„Nun kommt man noch auf ´ne Tasse Kaffee mit auf die Terrasse, bevor wir uns um das Viehzeug kümmern müssen.“
So gingen alle auf die Terrasse und Willi bekam seinen Kaffee und ein schönes Stück Kuchen.
„Darauf müssen wir einen trinken“, meinte Hansi in die Runde und beauftragte Trude eine Buddel Köm und Gläser zu holen.
„Und bring Zigarren mit!“, meinte Opa Olli.
„Mach ich“, sagte Trude und verschwand im Haus.
Bauer Hansi räusperte sich und sah Willi und dessen Frau Eva an. „Wir hatten vorhin das Thema „Trecker kaufen“ beim Schlawickel. Ich glaube, die Entwicklung in der Landwirtschaft geht in Richtung Mechanisierung. Immer mehr Arbeitskräfte wandern in andere Bereiche ab und wir Bauern müssen gezwungenermaßen umdenken und modernisieren.  Auch bietet ein Trecker einen besonderen Vorteil, wenn du ihn abstellst, frisst er nichts.“
„Und warum hast du keinen Bulldog gekauft?“, fragte Olli.
„Ja, das will ich dir sagen. Wir haben viele alte Gebäude mit Heu und Stroh auf dem Boden und Reet auf den Dächern, und da der Bulldog immer gern mal Funken sprüht, ist die Feuergefahr zu groß, sonst hätte ich gerne einen genommen.“
„Das ist ein ernstzunehmender Punkt“, meinte Hansi, „und auch wir müssen diesen Aspekt in unsere Planung mit einbeziehen.“
„Wo man nicht überall an denken muss“, meinte kopfschüttelnd Opa Olli, „und eine Tankstelle, wie ist das damit?“
„Da kannst du mit Walter Klock drüber reden, der stellt dir ein paar 200-Liter-Fässer zur Verfügung, wenn du bei ihm den Kraftstoff kaufst. Eine Handpumpe musst du dir selbst kaufen“, meinte Willi.
Willis Frau war inzwischen fertig mit Kuchenessen. Sie faltete wieder ihre Hände vor der Brust und schnalzte mit der Zunge. „Willi und ich wollen in Zukunft nicht mehr melken. Wir wollen nur noch Schlacht-Schweine mästen. Es soll demnächst eine neue Rasse auf den Markt kommen, „Pietrain“ heißt sie, die sie soll länger sein und nicht so viel Fett haben. Die Stadtleute sind alle langsam zu dick geworden und wollen keinen Speck mehr essen, und wenn die Kühe weg sind, wird der Kuhstall als Sauen- und Ferkelstall umgebaut und der jetzige Maststall wird vergrößert und modernisiert.“
„Oha“, sagte Oma Mathilde, „und wer soll eure Kühe haben, sollen die etwa geschlachtet werden?“
„Nee“, antwortete Eva prompt, „der Viehhändler Ewald Schacher hat gefragt, ob er darauf handeln kann, wenn das so weit ist.“
„Auch das Jungvieh?“, fragte Hansi.
„Ja, auf alles“, meinte Eva.
Auch Willi wollte nun seinen Senf dazugeben. „Ewald Schacher will die Tiere nach die Elbe verkaufen, da mögen sie gerne Rotbunte und fleischige Rinder. Unsere Bauern wollen ja immer nur Schwarzbunte, obwohl ich gar für mein Leben gern lieber Rotbunte leiden mag.“
Mittlerweile waren die Köm-Gläser gefüllt und die Zigarren-Kiste rumgereicht.
Der Hausherr meldete sich. „Liebe Nachbarn, lasst uns auf euren neuen Trecker anstoßen, damit er nicht so quietscht und ihr viel Freude mit ihm habt!“
„Prost“, meinte Olli, kippte den Köm mit einem Zug weg und verzog das Gesicht. „Oha, ist das noch einer vom Selbstgebrannten?“, fragte er in die Runde. Seine Frau sah ihn an, legte den Finger auf die Lippen: „Pscht, das muss doch keiner wissen.“
„Das mein ich auch, aber er ist gut“, sagte Willi und hielt sein Glas zum Neu-Auffüllen hin. Nun wurde geraucht und erzählt und das Alte wurde wieder aufgewärmt. Das Thema, wohin mit der Milch und wer übernimmt den Transport in die Meierei, war immer noch aktuell. Als Willi die Zigarre halb aufgeraucht hatte, sah er seine liebe Frau an und fragte: „Woll’n wir?“ „Woll’n?“, fragte sie. „Wir müssen ... all die Mäuler, die auf uns warten, müssen gestopft werden.“
Und so löste sich die Kaffeetafel auf, die Kinder trugen das Geschirr in die Küche und fingen an, abzuwaschen. Oma Tiller richtete die Terrassenmöbel und ging in ihre und Ollis Altenteil-Wohnung, um sich Arbeitszeug anzuziehen. Hansi und Heli brachten den Besuch zum Trecker und winkten ihnen nach. Heli legte ihren Arm um Hansis Taille und schmiegte ihren Kopf an seine Schulter. Hansi streichelte seiner lieben Frau zärtlich über den Kopf, wo ihr langes braunes Haar zu einem Zopf geflochten war, und meinte: „Es kann alles nur besser werden, vorausgesetzt, es bleibt friedlich auf der Welt. Morgen fahren Edi, du und ich in die Stadt. Edi und ich gehen zu Kurbelnocke und reden mit PS wegen einer Lehrstelle und du gehst nach Laffi und kaufst dir was Schönes. Danach gehen wir alle nach Awede und kaufen uns ein schönes Eis!“ „Ich freu mich schon darauf“, sagte Heli zu ihrem Gemahl und beide gingen ins Haus, um sich für die Stallarbeit umzuziehen.

Ein jeder – bis auf die kleine Marie – hatte seine Aufgaben: Oma Tiller war für die Hühner und Enten zuständig, Opa Olli für die Schweine, Bienen, Tauben und Pferde. Der Bauer, seine Frau und Edi waren für die Rindviecher und Futterbevorratung sowie die Milchverwendung zuständig.
Als der Bauer so beim Melken war, ging ihm so einiges durch den Kopf. Was hab ich doch für ein Glück bisher, ich bin gesund aus dem Krieg gekommen, habe eine wunderbare Frau an meiner Seite und eine Familie um mich herum, die muss man suchen. Aber nichts ist von Dauer, sagte er zu sich selbst und zog weiter an den Zitzen, denn was da heraus kam, war der Grundstoff allen Wohlstands auf diesem Hof. Und so schweiften seine Gedanken weiter. Was kann auf diesem Hof noch angebaut werden? Zuckerrüben? Erbsen? Egal, erst mal den nächsten Schritt, mit Mommsen reden und eine Lehrstelle für den Sohn, eine Spültoilette mit Klärgrube, ein Badezimmer, eine Zentralheizung, Waschmaschine, Kühlschrank, Milchkühlung, und so weiter und so weiter.

Endlich waren alle Tiere versorgt. Nun wurde es still auf dem Hof, die Familie saß in der Küche beim Abendbrot. Heute gab es mal keine Bratkartoffeln, sondern Brot mit Butter und Oma Mathilde hatte schöne Rühreier mit Speck gemacht, kalter Braten und geräucherter Schinken von den eigenen Schweinen, sehr lecker! Zu trinken gab´s für die Männer eine Flasche Bier und die Frauen tranken verdünnten Erdbeersaft.
„Mamma“, fragte Marie, „wo hast du das Brot gekauft?“
„Von einem fahrenden Bäcker, er heißt Pukteden.“
„Das schmeckt gut“, meldete sich Oma Mathilde.
„Ja“, meinte der Bauer, „es muss noch eine Zeitlang so gehen, bis wir unser Backhaus wieder instandgesetzt haben.“ Opa sah den Bauern an und fragte: „Brauchen wir das überhaupt noch?“ Der Bauer zog die Schultern hoch und sah seine Frau und die Schwiegermutter an: „Was meint ihr?“ Beide Frauen sagten übereinstimmend: „Das Backhaus brauchen wir als Backhaus nicht mehr.“ „Gut“, meinte der Bauer und schmunzelte, „das wäre also geklärt.“
Nach dem Essen gingen alle in die große Stube und ein jeder machte was anderes. Heli schaltete das Radio an, legte sich aufs Sofa und blätterte in einer Modezeitschrift. Der Bauer las die Sonnabend-Zeitung, Opa Olli las im Imker-Fachbuch, Oma Tiller machte Handarbeit und lutschte dabei Himbeer-Bonbons. Trude hatte Stinka auf dem Schoß, Marie malte im Zeichenheft ein Bild und Edi las in einem Sigurd-Heft. „Hast du auch eins für mich?“, fragte Trude. Edi ging in seine Kammer und brachte ihr ein Prinz-Eisenherz-Buch.

So langsam wurde es dunkel, der Bauer stand auf und ging raus, um nach dem Rechten zu sehen. Als er wieder reinkam, waren alle bis auf seine Frau verschwunden. Er setzte sich zu ihr und sie redeten über Dinge, die nur sie beide was angingen, dabei tranken sie noch einen Likör, bevor die Müdigkeit auch sie ins Bett trieb.
Trude und Marie hatten ihre Kammer unten neben Oma und Opa, Edi schlief oben neben dem Taubenschlag, Marie war in Gedanken auf einer Reise zu ihrer Schwester nach Amerika. Trude versuchte sich einen riesigen Wolkenkratzer in New York vorzustellen, mit einer riesigen Empfangshalle, und Edi nahm sich vor, in der nächsten Woche bei der Fahrschule Friedrich Knüppel wegen Führerschein Klasse vier vorzusprechen. Der Bauer ordnete seine Gedanken. Was wohl dem Sohn von Opa Mommsen zugestoßen ist? Am nächsten Morgen, nahm er sich vor, wolle er mit Opa Mommsen reden. Und so schlief auch er ein.
Die Katze war draußen und der Hund lag in der Küche in seiner Ecke, der Ziegenbock hatte sich bei den Kühen mit eingeschmuggelt.
Nur einer war aktiv, der Fuchs. Er suchte ein Loch, um in den Hühnerstall zu kommen. Und er gelangte durch das Hochschieben des Hühnerschotts tatsächlich in den Stall, aber dann hatte er Pech, das Schott ging wieder zu und so saß er in der Falle. Aber er war ja schlau. Der Fuchs wartete an der Tür, bis Oma am nächsten Morgen kam, und schlüpfte, allerdings ohne Beute, schnell ins Freie. Und das sah Mischi, aber Meister Reinicke war ihm entwischt und Mischi verlor seine Spur. „Du bist vielleicht ein Jagdhund!“, seiberte ihn die Katze an, „was ich immer sage, zu nichts zu gebrauchen!“ „Sei du bloß still, du verwöhntes langhaariges Viech“, erwiderte der Hund. „Du merkst ja nicht mal mehr, wenn dir die Mäuse in den Schwanz beißen!“ „Tsch“, machte Stinka und ging ihres Weges. „Die Katze hat recht“, rief der Ziegenbock aus der Hühnerstalltür und schmiss den Kopf in den Nacken, als wenn er auf Mischi losstürmen wollte.
„Du suchst wohl Streit“, zischte Mischi und sprang knurrend auf ihn zu. Horni flüchtete auf das Schuppendach und lachte sich eins. Nun saß die Katze auf einem Strohballen, der neben der Kuhstalltür lag, der Ziegenbock stand auf dem Holzschuppen-Dach und Mischi, der Hund, saß mitten auf dem Wendeplatz des Hofes. Matscho der Hahn, mit seinen Amandas, kam über den Hof in Richtung Misthaufen stolziert. „Seht euch das einer an“, meinte Horni, „wie der sich heute Morgen wieder in die Brust schmeißt. „Na und“, antwortete Matscho, „ich sorge für Nachwuchs und du kannst nur stoßen und die Blumen abfressen und rumlästern. Mischi, hab ich recht?“, fragte er den Hund. „Ich halt mich da raus“, meinte Mischi und stuppte sich. Jetzt schob sich der uralte Erpel um die Hausecke. „Moin, Ward Wad“, begrüßte ihn die Katze. „Moin, Stinka“, antwortete er. „Wie geht´s“, fragte Stinka. „Geht dir gar nichts an“, meinte Ward Wad. „Wo hast du heut Nacht geschlafen?“, fragte ihn Mischi, der Hund. „Auf dem Misthaufen“, kam die Antwort. „Hast du den Fuchs gesehen?“  „Na klar, ich hab noch mit ihm geredet, er hat im Moment Ärger mit seine Altsche, hat er gesagt.“ – „Warum?“ – „Sie meint, ich wäre zu alt für sie.“ – „Wie alt bist du, Ward Wad?“, fragte Mischi. „So genau weiß ich das nicht, aber den alten Hindenburg habe ich noch gekannt.“ „Was ein Spinner“, schrie der Hahn vom Misthaufen. „Der alte Hindenburg war unser Bulle und der ist 1933 in die Wurst gekommen!“ – „Woher willst du junger Spund das wissen?“, grölte Ward Wad zurück. „Ich weiß das von Imelda, der weißhaarigen Ratte, und die weiß das von ihrer Urgroßmutter“, antwortete der Hahn. „Alles klar“, meinte da Ward Wad. „Die muss das ja wissen!“, sagte er und trollte sich in Richtung Hausweide.



Kieler Nachrichten – 19. Januar 2012