Das rote Haus

Angelika Zöllner

ISBN: 978-3-928905-11-4
Seitenzahl: 128
Verarbeitung: Broschur
Preis: 10,00 EUR

Fantasy-Märchen für Kinder ab 10 Jahre und Erwachsene


Leseprobe
Einige Male war er umsonst gekommen, hatte sich auf die Stufen des roten Hauses gesetzt und den abbröckelnden Mörtel zwischen den Fingern zerrieben, war umhergegangen und hatte zu den Fenstern hineingeschaut. Der Vorhang war manchmal fest zugezogen, manchmal einen Spalt offen. Soviel konnte er erkennen, daß hier keiner mehr wohnte. Der Fußboden war brüchig, die Tapeten hingen in Fetzen von den Wänden. In der Mitte des Raumes, den er am besten sehen konnte, standen eine alte Bettstatt sowie Kisten mit verknittertem Zeug.
Martin ging zu dem See hinter dem Haus und hatte von den Seerosen geträumt, die in Knospen standen. Er würde bald heimfahren. Ob er es noch erleben würde, sie blühen zu sehen?
Eines Tages, als er ankam, saß der Fremde auf der Treppe.
Rechts und links wuchsen zwei Weihnachtsbäumchen, und der kleine Junge wünschte sich, sie im Winter zu sehen mit einer Schneemütze auf dem Kopf und wie ihre grünen Spitzen hervorleuchteten zwischen den weißen Wattebergen. Hier würde er gern Schlitten fahren, dachte er, und er sah sich auf einer endlosen Rodelbahn bis hinunter ins Tal gleiten. Anschließend würde er bergauf gehen und den Schlitten hinter sich herziehen, hier in dem alten roten Haus am Kaminfeuer sitzen, sich aufwärmen und mit Vater und Mutter einen heißen Kakao trinken.
Aber jetzt war es Sommer, und der Fremde saß auf der Eingangstreppe und hielt ihm etwas Rotes entgegen.
"Eine Seerose!" Martin stieß einen Freudenschrei aus. Sie hatte sich geöffnet.
"Nur wenige blühen rot", murmelte der Fremde, hob seinen Kopf und schaute ihn streng an. "Du darfst es nicht weitersagen." Der kleine Junge war glücklich und traute sich kein Wort mehr zu sprechen.
Als er das nächste Mal hierherfuhr, war der Fremde nicht da, und der See blühte. Die Seerosen waren aufgesprungen und leuchteten weiß.
Eine rote konnte er nicht erkennen, obgleich er überall suchte, sich zwischen die verkrüppelten Büsche und das Schilf drängte und die Hand über die Augen legte, um besser sehen zu können.
Am nächsten Tag saß der Fremde im Baum. Ein verstümmelter Apfelbaum, der nur zur Hälfte noch lebte und runde Früchte trug.
"Beiß hinein!" rief der Fremde und warf ihm einen der grünen Köstlichkeiten zu.
"Aber erst sing mir ein Lied vor."
"Singen", staunte das Kind. "Warum soll ich singen?"
"Das können die Menschen." Der kleine Troll runzelte die Stirn und wartete.
Und der kleine Junge sang ihm von seinem Land, in dem er zuhause war, von den Städten und ihren Menschen. Und es sang aus ihm, wie es nie zuvor gesungen hatte.
"Weiter", bat der häßliche Troll und ließ seine blinzelnden Augen nicht von dem Menschenkind ab. "Weiter!"
Der Junge sang von den Laubbäumen und ihren im Licht schimmernden Blättern, vom weichen Moos und den springenden Eichhörnchen, vom hellen Licht der Sonne, den blühenden Seerosen und der dunklen Stimme des Sees.
Er sang und sang und meinte wieder, er träume.
Als er endete, war der kleine Troll verschwunden. Die letzten Sonnenstrahlen standen rot über dem Hausdach, und der Abendhimmel bezog sich mit durchsichtigen Federwolken.
"Morgen komme ich zum letzten Mal", sagte Martin wenige Tage später zu dem Fremden. "Dann muß ich heim. Komm mit", lud er ihn ein, "ich will dich meinen Eltern zeigen."
Der kleine Troll schüttelte stumm den Kopf und fuhr sich mit der rauhen Hand durch den roten Haarschopf.
"Das geht nicht", erklärte er vorsichtig. "Sie können mich nicht sehen. Sie sind erwachsen und kennen die Stimme des Waldes nicht mehr."
"Weißt du, was ich mir wünsche", stotterte auf einmal der Fremde und rieb sich eine Fliege aus dem Auge, die plötzlich hineingeflogen war, "ich will sein wie du. Sonst muß ich eines Tages sterben. Ich habe keine Seele so wie du." Er senkte den Kopf und schnippte den Fliegenrest mit zwei Fingern davon. Traurig blickte er aus seinen winzigen Augen, die dem kleinen Jungen plötzlich verändert erschienen. Fast schön war dieses warme Aufblitzen seiner Seele in ihnen.
Da bemerkte er auf einmal, daß die Schwimmhäute des kleinen Trolls sich zurückgebildet hatten und weniger geworden waren. Das konnte doch nicht sein. Und die widerspenstigen Haarbüschel in den Ohren waren dünner und weniger struppig. Hatte der Troll nicht ein feineres Gesicht bekommen?
Am nächsten Tag blieb der kleine Martin lange aus, und seine Eltern gerieten in Furcht und machten sich auf den Weg, ihn zu suchen.
"Martin, Martin", riefen sie durch den Wald, aber es blieb alles still. Niemand antwortete. Nirgends war das Klingeln der Fahrradglocke zu hören oder Martins übermütiges Singen.
Sie teilten sich, schlugen verschiedene Richtungen ein, die der Junge gewöhnlich wählte und trafen wieder zusammen. Schließlich gerieten sie in die Nähe des kleinen Sees.
"Seerosen", staunte der Vater. "Die sehen wir erst jetzt."
Er kämpfte sich durch das Gestrüpp, um ihnen näher zu kommen. Da sah er, wie ein kleines, baufälliges Holzboot über das Wasser glitt, blau gestrichen sicher schon vor vielen Sommern und die Farbe seither nicht mehr erneuert.
Darin saß ein Junge, ruderte heftig und winkte ihnen zu.
"Ich habe ein Ruder verloren", schrie Martin und deutete mit seinen Händen aufgeregt, das noch vorhandene Ruder festklemmernd, in eine Richtung, in der er den verlorenen Gegenstand im Wasser vermutete.
Und er ruderte verzweifelt im Kreis, kämpfte mit der Strömung, die ihn hinderte und die sich nicht nach ihm richten wollte.
"Warte", rief der Vater, der sah, wie der Junge umhertrieb. "Ich hole Hilfe." Und er lief und lief, so schnell er konnte, zurück.
"Hilfe!" schluchzte das Kind und sah sich um, "wie komme ich an Land." Die Tränen stiegen ihm in die Augen.
Da spürte Martin auf einmal, wie etwas neben ihm schwamm und das Wasser zerteilte. Plötzlich stieß etwas an sein Boot. Erst bekam das Kind einen Schreck und fürchtete, es wäre ein großer Fisch. Aber hier gab es keine großen Fische. Noch nie hatte es welche gesehen.
"Ich bin es", machte sich eine Stimme bemerkbar, die er kannte, und der Fremde streckte seine Hand aus dem Wasser, um sich erkennen zu geben.
"Du", staunte der Kleine, "das kannst du nicht allein", sagte er, während die Wellen zunahmen, und der Wind aufblies und das Boot schaukelte.
"Ich will es versuchen." Der Fremde schob aus allen Kräften. Es war dem Jungen, als wären sie schon ein kleines Stück weitergekommen.
»Weiter«, nickte er und nahm wieder das Ruder in die Hand. Aber er war zu schwach, um etwas auszurichten gegen die Wellen, und das Ufer blieb weit entfernt. "Jetzt ist es aus", dachte er. "Mein Vater kommt nicht, und meine Hände haben keine Kraft mehr."
Doch der Fremde schob und schob, und das Land kam näher und näher.
"Hilfe, Hilfe!" rief der kleine Martin, aber niemand hörte ihn, und er ruderte mit den wundgeriebenen Händen im Wasser, um das Land zu erreichen.
Der Fremde war stärker als er dachte, und er schob und schwamm aus Leibeskräften, während der Wind in Böen hochfuhr und die Wellen Berge auftürmten und heftig das Boot schaukelten.
"Jetzt bin ich müde", sagte der Troll auf einmal, gähnte und streckte sich.
Der kleine Martin sah, wie er sich abquälte, seine Arme müde ins Wasser zurückfielen und die Finger keine Kraft mehr hatten. Und es schien ihm auf einmal, als liefe dem Troll eine dicke Träne über das häßliche Gesicht.
Als die Eltern kamen, lag das Boot sicher am Ufer. Der kleine Junge lag darin, die nassen Haare verklebt über der Stirn und schlief. "Gott sei Dank," riefen sie aus, hüllten Martin in eine trockene Decke und nahmen ihn auf den Arm.
"Wie hast du das fertiggebracht", schüttelten sie den Kopf.
"Ich nicht", erwiderte Martin. "Der kleine Troll hat es getan."
"Der kleine Troll!" Die Eltern sehen sich an und lächelten.
Martin hatte geträumt, während er hier lag. Hatten sie ihm nicht von den Trollen erzählt?
"Nein", rief Martin. "Ich habe nicht geträumt. Es ist wahr." Er sah sich suchend um. "Der Troll war es ganz allein. Damals hat er mir die rote Seerose geschenkt. Und er wollte, daß ich singe. Er wollte nicht sterben. Er wollte ein Mensch sein wie wir und eine Seele haben."
Als er aufschaute, da sah er den fremden Jungen, wie er lächelnd auf einem Baum saß. Die Gesichtszüge waren so schön wie noch nie, und die Schwimmhäute waren fast gänzlich verschwunden.
"Dieser kleine Junge, der nicht viel älter ist als du, soll alleine ein Boot schieben können?" Die Eltern schüttelten den Kopf und glaubten ihm nicht.
Da merkte Martin, daß die Eltern den Jungen sehen konnten und daß der Troll das geworden war, was er sich immer gewünscht hatte.
"Ich habe eine Seele", jubelte der Fremde und sang und lachte. Die Tränen flossen ihm über das ehemals so häßliche Gesicht. Und er sang von den Rätseln des Sees und der Melodie der schwermütigen Wälder. "Leb wohl", winkte er, und "danke, vielen Dank, du hast mir geholfen."
Als Martin sich zu den Eltern wandte, war es dämmrig geworden, und der Vater trug ihn nach Hause.
Am folgenden Tag reisten sie ab. Martin weinte und sagte: "Ich will nicht nach Hause. Ich will hierbleiben und mit dem Jungen spielen."
"Nächstes Jahr", antworteten die Eltern und verstanden ihn nicht.
"Nächstes Jahr kommst du wieder. Dann bist du ein Schulkind. Jetzt fahren wir wieder nach Hause, und du wirst schwimmen lernen."
Da bemerkte Martin auf einmal, daß die Bäume sich gefärbt hatten und die ersten Blätter herunterfielen. »Bis nächstes Jahr«, dachte er und schaute dem Eichhörnchen nach, das ihm über den Weg huschte und betrachtete die leergepflückten Blaubeerbüsche und die letzten Himbeeren, die allmählich faulten, weil niemand so viele sammeln und essen konnte.