Tausend Inseln und ein Boot

Heinz Pack

ISBN: 978-3-928905-05-3
Seitenzahl: 288
Verarbeitung: Broschur
Preis: 11,00 EUR

Ein Malediven-Abenteuer mit vielen Bildern und detaillierten Karten der Inselwelt. Zeichnungen: Elena Trubetskova. 12 x 18 cm.
www.heinz-pack.de


Leseprobe
Unverzeihlicher Leichtsinn, S. 36

Irgendwo muß ich mir die Haut auf meinem rechten Schienbein abgeschrammt haben. Ich komme erst drauf, als ich dort einen kleinen Schmerz verspüre. Die Stelle hat nie geblutet, jetzt beginnt sie zu eitern. Fritz hat Mercucromlösung. Die soll helfen. Zu spät. Am nächsten Morgen verschlimmert sich die Lage. Die Hals- und Ohrenschmerzen klingen auch nicht mehr ab.
Am nächsten Tag befinde ich mich schon wieder auf dem Meer mit südwestlichem Kurs nach Eriyadhu. Bis dahin sind es nur etwa 20 Kilometer.
Nur vier Seemeilen weiter südlich liegt Makunudhoo. Der Manager dieser kleinen Hotelinsel lädt mich zum Lunch ein. Er findet mein Vorhaben interssant und sucht das Gespräch.
Der Inselname Bodohiti erscheint nicht in deutschen Reiseprospekten. Diese Insel bleibt, wie einige andere nur Italienern vorbehalten, die lieber unter sich sein wollen. Ich darf als Ausnahme dennoch die Insel betreten, speise dort sehr gut und übernachte am Strand auf dem Boot. Im Regen, versteht sich.
Meine Beinwunde sieht nicht gut aus. Sie hat sich vergrößert, ist lappig geworden. Das Bein beginnt anzuschwellen, ist heiß, puckt. Hals- und Ohrenschmerzen haben ebenfalls zugenommen, wollen nicht mehr aufhören, trotz ständigen Schwitzens.
In dunkler Vorahnung stecke ich mir aus den Obstschalen auf den Mittagstischen einige Bananen ein. Vielleicht hilft damit die Natur der kränkelden Kreatur. Am nächsten Morgen fühle ich mich krank, richtig schlecht, ohne Appetit. Das will bei mir etwas heißen. Ich muß meine eventuelle Rettung einplanen. Bin ich erst auf der Hotelinsel Nacatcha-Fushi, ist das Hospital in Male nicht mehr weit. Dort wird man mir vielleicht helfen. Warum nur in aller Welt habe ich meine Medikamente in meinem Gepäck auf der Insel Vilivaru gelassen! Ein unverzeihlicher, irreparabler Leichtsinn. Ich muß ihn nun ausbaden mit allen Konsequenzen. Die Natur kennt kein Mitleid, kein Erbarmen. Gedankenlosigkeit war schon oft tödlich.


Der Engel von Nacatchafushi, S.37

An einem Spätnachmittag finde ich die Einfahrt in die große blaue Lagune von Nacatchafushi und halte auf den Strand zu. Mir ist schwindelig. Kälteschauer und Schweißausbrüche beherrschen mich im Wechsel. Irgendwie klappt es, dass ich meinen Cat auf dem Strand abstellen darf.
Das Abendessen in der großen Halle schmeckt mir nicht. Ich möchte nur in Ruhe gelassen werden und schlafen können, einmal wieder in trockenen Kleidern richtig fest schlafen.
Eine grazile junge Frau mit warmen, dunklen Augen spricht mich in meiner Muttersprache an. Sie hat mich von weither kommen sehen, das erweckte ihre Aufmerksamkeit. Sie merkt mir meinen schlechten Gesundheitszustand an und versucht, beim Inselmanagement einen leerstehenden Bungalow für mich zu bekommen.
"Vierzig Dollar für eine Nacht!" erhält sie zur Antwort.
Damit gibt sie nicht auf: "Heinz - mein Mann und ich bieten ihnen an, in unserem Bungalow zu übernachten. Es ist darin noch ein drittes Bett für sie frei!"
Ich bin von ihrer freundlichen Fürsorge gerührt. Jeder andere hätte hocherfreut angenommen.
Ich bedanke mich sehr herzlich, lehne aber das zweifellos verlockende Angebot dieser beiden lieben Menschen freundlich ab, weil es eine vielleicht komische Eigenart von mir ist, niemandem zur Last fallen zu wollen.
Außerdem schäme ich mich wegen meines desolaten Erscheinungsbildes; durchnäßt, Dreitagebart, total erschöpft, elend, mit großer, unbehandelter eiternder Wunde. Nein, so mag ich nicht unter gepflegten Menschen weilen. Auch diese Nacht werde ich noch hinter mich bringen und morgen schon früh nach Male aufbrechen, um dort ärztliche Hilfe im Hospital zu suchen. Wäre ich bloß erst dort!
In der Dunkelheit begebe ich mich wieder zu meinem Boot, lege mich aufs Trampolin in den Regen.
Plötzlich steht die hilfsbereite junge Frau unter einem Regenschirm neben mir und hat zwei Regenmäntel über dem Arm.
"Nehmen sie wenigstens diese Mäntel für den schlimmen Regen, Heinz!"
Wie wohl doch diese unmittelbare Fürsorge tut. Sie hat mich nicht nur bemerkt, sie wendet sich mir sogar zu, voll herzlicher Anteilnahme. Meiner Seele gibt das heilende Wärme, die in meinen kranken Körper hineinstrahlt. Kräfte, die von Menschen ausgehen können, lassen Begegnungen mit ihnen überirdisch erscheinen. Hat mein Schutzengel die Gestalt dieser Frau angenommen? Hier auf Nacatchafushi?
Nach Wochen fühle ich mich zum ersten Mal nicht allein. Durch diese beiden Menschen erfährt mein rastloses Ich wohltuenden Trost und helfende Kraft.
Dennoch wird diese Nacht ein einziger Fiebertraum. Die rechte Leistendrüse schwillt an, schmerzt bei jeder Bewegung und Berührung.
Blitze, Donner, Wolkenbrüche jagen einander. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, kann mir trockene Kleider auf meinem Leib gar nicht mehr vorstellen. Morgen werde ich im Hospital liegen, dann wird bald alles wieder gut sein.
Ich habe brennenden Durst. Aber woher jetzt Trinkwasser bekommen? Ich schlürfe es aus der Pfütze, in der ich liege. Es ist lauwarm, schmeckt eckelhaft. Danach rolle ich mich wieder zusammen, decke mich mit den zwei geliehenen Regenmänteln zu, die wenigstens den kühlen Wind abhalten, denn ich möchte schwitzen, verspreche mir davon Hilfe und trinke für den Rest der Nacht nun schluckweise Regenwasser aus einer kleinen, zurechtgeschobenen Mulde aus wasserdichtem Mantelstoff direkt vor meinem Mund. Not macht erfinderisch.
Gegen meine Hals-, Bein- und Kopfschmerzen, das Fieber und den Schwindel weiß ich keinen Rat.
Meine Medikamente ließ ich ja auf Vilivaru. Wie froh bin ich, als das erste Tageslicht durch die geschlossene dunkle Wolkendecke sickert.
Zu allem Überfluß hat der Nordost-Wind sich ausgerechnet heute fünf Windstärken zugelegt. Draußen vor dem Riffring ist die See weiß.
Der "Engel von Nacatcha" erscheint mit ihrem Partner, beide sehr in Sorge um mich. Dazu besteht auch wohl berechtigter Anlass, denn mein rechter Unterschenkel ist geschwollen und zeigt fleckenweise dunkle Rötungen.
"Heinz, bei diesem Wetter und in ihrem Zustand können sie unmöglich mit ihrem leichten Boot nach Male segeln. Wir werden ihnen über die Rezeption ein Dhoni bestellen!"
Das ist wieder lieb gemeint, aber für mich praktisch nicht machbar. Ich stehe erst am Anfang meiner Malediven-Expedition, weiß noch nicht, welche finanziellen Forderungen seitens des Governments auf mich zukommen werden. Ein von maledivischen Touristenbossen vermitteltes Dhoni kostet mich bis Male bestimmt ein kleines Vermögen. Ich bin kein Krösus.
"Ich glaube es geht gut. Ich muß und werde es schaffen", gebe ich dankend zurück.
Die beiden helfen mir, den Katamaran ins Wasser zu ziehen. Ich zurre mein Gepäck fest, setze die Segel, und schon jage ich übers Wasser davon, die beiden, von denen ich nicht einmal den Namen weiß, lasse ich winkend zurück...