Nachtwandler - Erzählungen

Ulrich Gradert

ISBN: 978-3-928905-61-9
Seitenzahl: 72 Seiten
Verarbeitung: Englische Broschur mit vierfarbigem Schutzumschlag
Preis: 7,90 Euro


Schopinsky war ein Mann in bestem Alter
, der als Förster viele Jahre schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hier im Wald des Gutshofes seinen Dienst tat. Im schwachen Licht war der buschige Vollbart nur zu erahnen, auf dem, vom keuchenden Atem immer wieder genährt, sich Eispünktchen einfanden. Der breitkrempige Hut hüllte sein Gesicht in ein geheimnisvolles Dunkel, das auch die Petroleumlaterne, die er in der Linken hielt, nicht zu erhellen vermochte. Er blieb einen Moment stehen, um sich umzuschauen in dieser nächtlichen Zauberwelt der holsteinischen Landschaft. Alles schien so fern und unwirklich, und die im dunklen Teil des Mondhimmels blinkenden Sterne waren. Zeugen eines still stehenden Momentes in Zeit und Raum. Von fern betrachtet stand er, wie ein verlorener Mensch, in einer nächtlichen Welt voller Einsamkeit und tiefer, unergründlicher Schönheit. Schopinsky erschauderte vor Kälte, wie er sich umblickte, denn auch der derbe Stoff des halblangen Mantels und die wollenen Strickhandschuhe schützten nicht vor der eisigen Nachtkälte. Er setzte seinen Weg fort, um dem am Waldrand beginnenden Fußsteig entgegen zu gehen. Sein Ende würde ihn zum Haus seines Freundes, des Müllers und Bauern, führen, damit er dort einen netten Abend mit ihm im Kreise der Familie erleben konnte. Schopinsky wusste nicht mehr genau, ob sie nun verabredet waren oder nicht. Schopinsky ist nur eine von drei Erzählungen, die in der norddeutschen Landschaft beheimatet sind.
In der zweiten Erzählung geht es um den »Galgenberg«, eine schaurig, schöne Geschichte. In der dritten Erzählung »Sturmreiter« geht es um Menschen, die immer noch auf der Suche sind.


Leseprobe
Wie ein ferner Traum kommen mir diese frühen Jahre vor.  Ein Traum, der manchmal in mir auflebt, wenn ich vom schattenspendenden Waldrand auf dem sanften Hügel hier oben hinunter ins sommerliche Land blicke, in dem die großen Seen Holsteins zwischen Hügeln und Wäldern zu erahnen sind. Es umgibt mich  eine leuchtende Welt mit sattem Grün und tintenblauen Himmeln, die zeitlos und weit zu erzählen beginnt. Alte Stimmen dringen durch das Wispern der Blätter. Es steigen Worte und Sätze in mir auf, die nur scheinbar längst verloren, bis heute nachklingen und von dem erzählen, was Menschen bewegt.
Ich denke an  die leichter werdenden Jahre des sich damals entwickelnden Landes, das nach einer tödlichen Wildheit und einer folgenden schweren Zeit zur Ruhe gekommen war. Es begannen in diesen Jahren die stürmischen Wogen einer  neuen Suche, ein gutes Jahrzehnt nach dem größten aller Kriege. Eine Suche, welche besonders junge Menschen nach anderen Formen der Aufbrüche fragen ließ. Für die älteren würde unvergessen bleiben, was durch den Krieg geschehen  war. Immer noch gab es Wunden, die schmerzten und nichts war ihnen deshalb so wichtig wie eine Mischung aus Frieden und Sicherheit. Für uns junge Menschen, die wir den Krieg nur aus Erzählungen kannten, begannen aber damals die Fragen nach Sinn und Wert des Lebens auf eine andere Weise in uns zu brennen. War denn der wachsende Wohlstand die einzige Antwort auf das Grauen, das geschehen war? Ist die Suche nach materieller Sicherheit, wann auch immer, die Antwort auf alle Fragen einer Zeit?
Der Stein, auf den ich mich jetzt setze, ist glatt und kühl. Er ist geschliffen durch den Jahrtausende währenden Wandel seiner Umwelt. Dennoch weiß dieser scheinbar zeitlose Stein nichts von den Tiefen unseres Menschseins und damit unendlich viel weniger als wir nur kurz atmende, fühlende Wesen einer unergründlichen Schöpfung. Uns schleift die Erfahrung, die wir in den Jahren oder in kurzen Abenteuern mit dem Leben machen. Von einem Abenteuer will ich erzählen. Ob die Geschichte wahr ist, wollen Sie wissen? Sie ist so wahr wie Sie und ich, so wahr wie unsere uralten Fragen.
Die in den Wohnungen, Büros und Werkstätten  hängenden Kalender zeigen das Jahr 1956. Der Krieg schien endgültig überwunden, obwohl es in den Großstädten nicht wenige Plätze gab, die immer noch mit Schuttbergen von  der Macht der gefallenen Bomben berichteten. Schlimmer noch waren  die Verletzungen in den Herzen und an den Körpern der Menschen und auch hier auf dem Lande gab es davon genug. Doch es kam nun auch eine ganz andere Welt, die sich ankündigte. Die Rockmusik begann ihren Siegeszug und die Kunst durfte ihre  Kraft nutzen, um eigene Wege zu gehen, ohne unterdrückt zu werden. Es lag in vielen Bereichen des Lebens etwas Neues in der Luft, das nach vorn drängte. Langsam begann ein anderes Leben sich den Weg zu bahnen. Die Menschen fingen an sich eine Meinung zu bilden, die nicht jedem gefallen musste, und die Freiheit stand nicht nur auf dem Papier, sie konnte auch gelebt werden. Es war ein wundervoller Aufbruch, in dem sich die Menschen aber auch das Neue erkämpfen mussten. Viele Dinge gibt es nur scheinbar und sie werden erst wahr, wenn sie auch gelebt werden.
Der kleine Ort, an dem alles beginnt, schmiegt sich liebevoll an ein Seeufer in die von der Eiszeit geschaffene holsteinische Landschaft. Wenn sich Besucher hierher verirrten, dann erzählten ihnen alte Reetdachhäuser vom  Leben der früheren Tage. Das Hämmern des Schmieds war noch im ganzen Dorf zu hören und in der malerisch am See gelegenen Gaststätte fand jeder Reisende einen gedeckten Tisch inmitten der bäuerlichen Welt des Wirtes. Menschen, die des Plattdeutschen nicht mächtig waren, hatten es nicht leicht, denn er vermied das Hochdeutsche wie viele hier. Die alte Dorfschule lag am Bach, der nach engen Windungen hier ein gerades Stück entlag lief und ...


Schaufenster Pön - Lütjenburg vom 10. Oktober 2007
Geschichten von Nacht und Dunkelheit
„Ich schreibe gerne“, sagt der Plöner Pastor und Autor Ulrich Gradert, der gerade sein drittes Buch „Nachtwandler“ veröffentlicht hat. Entstanden ist ein Erzählband mit drei Geschichten, die vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichen. „Ein wenig ist es auch eine Liebeserklärung an die Region“, sagt der Schriftsteller, der den Leser die Nähe zur holsteinischen Heimat spüren lässt und in den Texten das Thema Nacht und Dunkelheit verbindet. Dabei hat Ulrich Gradert darauf geachtet, Spannendes für alle Altersgruppen zu erzählen. MB
(Foto: Billhardt)

Kieler Nachrichten vom 1. September 2007
Geschichten aus der Dunkelheit
Pastor Ulrich Gradert entführt die Leser seines dritten Buches in die Nacht

„Als Pastor möchte ich mit meiner Arbeit die Menschen anregen und ermutigen, über den Sinn des Lebens, aber auch über die Sorgen des Alltags nachzudenken“, sagt Pastor Ulrich Gradert. Diese Aufgabe erfüllt der Plöner Kirchenvorsteher nicht nur in Predigten von der Kanzel. Der 50-jährige Geistliche wirkt auch als Autor und wird in der Plöner Kulturnacht sein drittes Buch „Nachtwandler“ vorstellen.

In seinem neuen Werk erzählt Gradert drei Kurzgeschichten, die im 19. Jahrhundert, in den Wirtschaftswunderjahren und in der Gegenwart spielen. „Die Texte verbindet das Thema Dunkelheit und Nacht. Daher ergibt sich auch der Titel“, erläutert Gradert. Die erste Idee zu dem neuen Buch sei im Rahmen der 50-Jahr-Feier zur Einweihung der Kirche in Niederkleveez entstanden. Für die unterhaltsame Gestaltung des Jubiläums hatte Gradert sein eigenes plattdeutsches Theaterstück „Stormrieders und Raakwark“ (Sturmreiter und Abenteuer) zu einer hochdeutschen Geschichte umgeschrieben. Die Sturmreiter sind drei Jugendliche, die Mitte der 50er Jahre ein nächtliches Abenteuer auf einem See erleben und dabei menschliche Werte kennen und schätzen lernen. „In den Jahren des Wirtschaftwunders sind bestimmte Dinge kaum vermittelt worden, worunter wir heute noch leiden“, so Gradert. „Wir müssen uns jetzt mehr zurückbesinnen, dass materieller Besitz nicht das Wichtigste im Leben ist.“
Da diese Novelle für ein Buch etwas zu kurz gewesen sei, schrieb der Pastor zwei weitere Texte. In der Titelgeschichte „Nachtwandler“ macht sich ein Förster, der vor rund 200 Jahren ein etwas einsames Leben im Wald führt, abends auf den Weg, um Freunde zu besuchen. Während der Wanderung lässt sich im Angesicht eines Wilderers ein Schuss und der Jäger liegt verletzt in der Dunkelheit. „Der Charakter der Hauptfigur basiert auf einem etwas kauzigen, aber liebenswerten Freund meines Großvaters“, schmunzelt Gradert, der zugleich betont, dass die Handlungen und Figuren der Geschichten rein fiktiv seien. Das gilt auch für die etwas gruselige Erzählung „Galgenberg“. Hier findet ein junger Mann im Nachlass seiner Tante die Skizze eines Galgens. Fasziniert von dem Bild verfolgt er dessen Spur. Wie diese Spurensuche weitergeht, können die Besucher der Kulturnacht bei einer Autorenlesung im Plöner Pastorat am Markt 25 hören. Begleitet von dem Gitarristen Hans-Peter Höller wird der Schriftsteller sein Buch vorstellen, das im Plöner verlageinundsiebzig erscheint.
Etwas Fantasie sollten die Zuhörer und Leser jedoch mitbringen, da das Ende der Novellen offen gestaltet ist. Denn – so Gradert: „Die Botschaft muss man sich selbst herauslesen.“ Dirk Schneider

Das Bild zeigt: Als „Nachtwandler“ präsentiert Pastor Ulrich Gradert sein gleichnamiges Buch, das er im Rahmen der Plöner Kulturnacht vorstellen wird.