Unter dem gelben Schornstein

Margot und Rüdiger Weiß

ISBN: 978-3-928905-82-4
Seitenzahl: 108 Seiten
Verarbeitung: Softcover, 4farbiger Umschlag
Preis: 9,90 Euro
vergriffen

Als Maschinist auf großer Fahrt

Gemessen am gesamten Berufsleben von Rüdiger Weiß war seine Zeit bei der Handelsschifffahrt eine relativ kurze Phase. Dennoch hat sie ihn für sein ganzes Leben geprägt.

Im Haus der Familie Weiß gibt es viele Erinnerungsstücke, von denen jedes einzelne eine kleine Geschichte erzählen könnte. Geschichten von fremden Ländern und von den Menschen, die dem Seemann dort begegnet sind.
Rüdiger Weiß lernte noch eine Seefahrt kennen, wie es sie heute nicht mehr gibt. Die Liegezeiten in den Häfen waren noch lang und jeder Landgang spannend. Die Schiffe fuhren unter deutscher Flagge mit einer nahezu rein deutschen Besatzung von 40 bis 50 Personen.
Erst als seine Frau und Rüdiger Weiß sich schon einige Jahre vom Berufsleben verabschiedet hatten, kamen beide auf die Idee, diese Erlebnisse als Maschinist auf vielen Schiffen des Norddeutschen Lloyd, schriftlich festzuhalten.
So entstand aus mündlichen Erzählungen, einem Karton mit Fotos und Briefen, und den mitgebrachten Erinnerungsstücken, diese Sammlung von spannenden Geschichten, die auch zum Schmunzeln anregen.



Leseprobe

Heute heiratet meine Braut


Im Mittelmeer konnten wir langsam wieder durchatmen. Das lag wohl nicht nur an dem besseren Klima. Wir befanden uns auf Heimatkurs. Jetzt im November würden wir die Straße von Messina passieren, und wenn alles gut ginge, würden wir Weihnachten zu Hause sein. Drei Monate sind eine lange Zeit, in der viel passieren kann. Das Seemannsleben, wie es gerne in Liedern besungen wird und nach dem Jan Maat in jedem Hafen eine andere Braut hat, sieht in der Realität ganz anders aus. Die meisten von uns lassen Eltern, Freundinnen, Ehefrauen und Kinder zurück. Auch wenn wir noch so sehr mit dem Leben an Bord verwurzelt sind, so sehr brauchen wir auch die Stabilität des „Heimathafens“. Die Trennung auf Zeit mussten wir akzeptieren und aushalten. Mit der Linienfahrt waren wir noch gut dran, da wir von Hafen zu Hafen auf Post hoffen durften und alle drei bis vier Monate, wenigstens für ein paar Tage, zu Hause waren.

Dennoch gibt es immer wieder Verlockungen, denen auch der biederste und treueste Seemann nur schwer widerstehen kann. In aller Munde waren die besonders lieben und geschickten asiatischen Frauen, die dort in den Häfen darauf warteten, als Liebesdienerinnen unsere Wünsche zu erfüllen. Man sprach darüber, und ein Bericht übertraf den anderen an Farbigkeit. Es gab nur wenige, die hier kein Abenteuer gesucht hatten. Ebenso entging es auch kaum jemanden, wenn einer der Männer dieser Versuchung widerstand. Aber ich hatte mein Treueversprechen gegeben und fühlte mich daran gebunden, wie ich es auch von meiner Freundin erwartete.

Doch schon seit Dschibuti befand ich mich in gedrückter Stimmung. Ich hatte auf der gesamten Heimreise noch keinen einzigen Brief von ihr erhalten. Viele bohrende Fragen gingen mir durch den Kopf. Vielleicht gab es eine Erklärung. Aber so sehr ich auch nachdachte, ich fand keine.

In der Straße von Messina versuchte ich noch einmal, eine Nachricht  loszuschicken. Da wir hier nicht anlegten, war es üblich, die private Post der Besatzung mit Postbojen ins Meer zu werfen. Das sind wasserfest verschlossene Behälter, die auch immer eine Stange Zigaretten enthielten. Die Fischer in diesen Gewässern fischten  die Bojen von einem ihrer Boote aus auf und schickten sie dann ordnungsgemäß ab. Sie sind auf dieses Zusatzgeschäft spezialisiert. Unser nächster Hafen sollte Genua sein.

Die Reise ging aber doch nicht so zügig heimwärts, wie ich mir das wünschte. Meine Ungeduld wurde langsam auf die Spitze getrieben. Auch unser Kapitän, der diese Reise zum ersten Mal machte, hatte wohl Heimweh.
Jedenfalls durchfuhr er die Meerenge von Messina mit viel zu hohem Tempo.

Als er dann noch ein viel zu hartes Rudermanöver, zuerst nach steuerbord und dann nach backbord fuhr, um in dem engen Fahrwasser zu bleiben, krängte unser Schiff auf mehr als 30 Grad. Dadurch liefen die Ölpumpen der Hauptmaschine trocken und lösten einen Notstopp aus. Wir mussten den Hauptmotor von Hand neu hochfahren.

In Genua sollte sich nun endlich meine Ungewissheit auflösen. Fieberhaft wartete ich auf den Agenten mit der Post. Aber nichts tat sich. Wieder eine Enttäuschung! Darum war ich sehr überrascht, als plötzlich kurz vor Auslaufen der II. Ing. persönlich mit einem Brief in der Hand, in meiner Kammer erschien.

Nichts Gutes ahnend sagte ich nur: „Schlechte Nachrichten?“

„Wie man’s nimmt“, antwortete er, „aber nimm’s nicht so schwer!“

Nachdem er mir noch kameradschaftlich auf die Schulter geklopft hatte, zog er sich wieder zurück. Schon der erste Blick auf den Umschlag hatte mir verraten, dass es sich um den lang ersehnten Brief meiner Freundin handelte. Ungeduldig riss ich den Umschlag auf und las die Zeilen, die mir nun endlich Klarheit brachten. Meine Freundin teilte mir darin mit, dass sie mir den Laufpass gab und, schlimmer noch, in kürzester Frist einen alten Freund von mir heiraten würde.

Doch woher kannte der II. Ing. den Inhalt des Briefes? Offensichtlich wusste das ganze Schiff von meinem Dilemma und ich war der einzige Ahnungslose, schoss es mir wütend durch den Kopf. Nach und nach erfuhr ich dann, was passiert war. Mit gleicher Post hatte meine Freundin diese Nachricht auch an einen anderen Ing.-Assi, meinen Kollegen geschrieben und mich seiner besonderen „Fürsorge“ anvertraut, damit ich keine Dummheiten mache. Dieser hatte die Information an den II. Ing. weitergegeben. Er hielt den Brief schon seit Port Said/Suez-Kanal in seiner Obhut. Wegen  der großen Hitze im Suez-Kanals und im östlichen Mittelmeer hatte man mir den Brief zunächst vorenthalten und sich fürsorglich entschieden, mir die schlechte Nachricht, die ich schon lange geahnt hatte, erst im gemäßigten Klima Europas zuzumuten.

Na prima, dachte ich, da hat sich um mich herum ja ein ganzes Komplott von fürsorglichen Menschen gebildet! Ich versuchte die Nachricht mannhaft zu verarbeiten, hatte aber doch einige Tage daran zu knabbern, bis ich meine gewohnte Unbeschwertheit wieder fand, die zeitweise auch in Galgenhumor umschwenkte. Ich versäumte es nicht, meiner Freundin am Tage ihrer Hochzeit ein Glückwunschtelegramm zu schicken.
Für das Maschinenpersonal gab ich eine Kiste Bier aus. Begründung: „Heute heiratet meine Braut.“

Unsere Heimreise wurde von weiteren Zwischenfällen verzögert. Auf der Fahrt von Genua nach Gibraltar fischten wir noch eine havarierte Motoryacht auf und schleppten sie bis nach Mallorca. In der Biscaya herrschte so schlechtes Wetter, dass wir den Kurs ändern mussten und die Geschwindigkeit verringerten.  Schließlich erreichten wir aber doch noch, rechtzeitig zum Weihnachtsfest den ersten europäischen Hafen und wurden abgelöst.

Vier Tage nachdem ich von der Moselstein abgemustert hatte, erfuhr ich im Fernsehen, dass die Moselstein in Antwerpen durch zwei schwere Explosionen im Vorschiff schwer beschädigt und ausgebrannt war. Dabei wurde ein Hafenarbeiter tödlich verletzt.

So konnte ich nach 14 Monaten an Bord der Moselstein für mich die Bilanz ziehen: „Es waren alles in allem dennoch glückliche Reisen!“




Kieler Nachrichten vom 6. Februar 2010

Kieler Nachrichten, Ausgabe Otholstein vom 6. November 2009