Akte Sorgenkind

Jochen Langkabel

ISBN: 978-3-928905-19-0
Seitenzahl: 125
Verarbeitung: Broschur
Preis: 6,50 EUR

Die erschütternde Geschichte von Fred - das kurze Leben eines cerebral geschädigten Kindes, 12 x 18 cm


Leseprobe
Anno 1937, S. 5

Wir Jungen spielen zwischen den hohen Akazienbäumen am Rande eines ehemaligen Exerzierplatzes. Wir - das sind einige meiner Altersgenossen und ich. Es ist ein lauer Sommer abend eines heißen Tages.
Wer in dieser Zeit kaum über Geistesgaben verfügt, der ist ein Schwachsinniger, ein Irrer, ein Idiot - ein wertloser Zeitgenosse also.
Während wir darüber nachsinnen, welchem mehr oder weniger nützlichen Tun wir uns jetzt zuwenden sollen und dabei abgeschlafft auf dem Rasen liegen, da kommt eine kleine, jämmerliche Gestalt des Weges.
Es ist ein Junge. Wir winken ihn herbei. Wir erkennen sofort, dass er schlichten Gemütes ist. Sein fades Gesicht wirkt dümmlich, die Haare sind rundherum kurzgeschoren. Eine knielange, zerschlissene Hose hängt an zwei grauen Trägern über den schwachen Schultern. Den zerissenen Wollpullover trägt er in der Hand. Sein kurzärmliges Hemdchen ist schmuddelig. Der typische Geruch armer Leute umgibt ihn. Und wir, wie von einer Manie besessen, stellen ihm zu unserer Belustigung immer wieder die selben Fragen: "Wie heißt du denn?" - "Wo kommst du denn her?" - "Gehst du auch zur Schule?"
Wir verstehen nicht, was er uns antwortet. In seinem Mund hat er statt der Zähne nur Zahnstummel. Die muß er immer und immer wieder zeigen. Er tut es bereitwillig. So lange, bis er zu Weinen beginnt. Aus dem, ws er stammelnd redet, vernehmen wir lediglich, dass er seinen Pullover bei dieser Wärme ausgezogen habe.
Schließlich geben wir ihm alle die Hand. Jeder von uns sagt dabei betont akzentuiert: "Auf Wiedersehen!"
Prompt antwortet der kleine Kerl immer wieder jedem von uns: "Auf Hidderdehn!"
Wir haben den armen Jungen nie wieder gesehen. Menschen wie er verschwanden aus dem Straßenbild.
Abends im Bett schäme ich mich. Mir wird bewußt, dass wir nichts weiter als unsere Überlegenheit ausspielten. Eine Überlegenheit, für die wir genauso wenig konnten, wie dieses armselige Menschenkind für seine Unterlegenheit.
Der arme Kerl, zweifellos das Kind unbemittelter Eltern, dessen große Freude darin lag, dass er in seinem kurzen Hemdchen bei dem heißen nicht zu schwitzen brauchte, rührte plötzlich mein Herz.
Ich sollte ihn nie vergessen. Immer wieder begegne ich ihm in meinen Gedanken.
Damals war es verpönt, dass ein Junge weint. So flossen die Tränen nicht nach aussen. Ich weinte nach innen.
Ich möchte jetzt, wo es zu spät ist, das armselige Kerlchen in die Arme nehmen und fest an mein Herz drücken. Allen Schmerz über die Ungerechtigkeit dieser Welt möchte ich in diese hinausschreien.
In meinen Ohren klingt es nach: "Auf Hidderdehn!"
Ja, du kleiner, armer Junge: "Auf Wiedersehn!"