Verwischte Spuren

Gottlieb Leckband

ISBN: 978-3-928905-67-1
Seitenzahl: 160
Verarbeitung: Engl. Broschur, 4farbiger Schutzumschlag
Preis: 11,90 Euro

Kriminalroman der im norddeutschen Raum spielt.
Die Orte der Handlungen sind nicht die eigentlichen Tatorte, aber die Geschehnisse beruhen auf Realitäten, echten und selbst erlebten Kriminalfällen. Das trifft auch auf den spektakulären Berliner Giftmordfall zu, der sich in ähnlicher Weise an einem Ort in Schieswig-Holstein zugetragen hat.
Kriminalhauptmeister Böhme verkörpert den Kriminalisten, wie er im Alltag anzutreffen ist. Es sind Beamte des mittleren und seit einiger Zeit auch des gehobenen Dienstes, die mit Akribie und Idealismus kriminalistische Feinarbeit verrichten. Sie verdienen hierfür unseren Respekt.
Lukas Töllner als Kriminellen hat es nicht gegeben, aber dieses Pseudonym mag Pate stehen für eine Erscheinungsform Mensch, die kein Kriminalist, kein Psychologe und kein Richter ausmerzen kann.
Ähnliche Fälle wird es immer geben, die tägliche Realität bestätigt das.


Leseprobe

Ein warmer Wind strich über sein Gesicht, als er über den Seedeich blickte. Sein markantes Profil mit den leicht vorstehenden Backenknochen schien die Jugend zu ignorieren, die zweifellos das schöne Antlitz prägte. Der hochgewachsene Mittzwanziger mit dem welligen Blondhaar schien nachdenklich. Sein Blick ging über das Wasser, obwohl dort eigentlich nichts Sonderliches zu entdecken war, das den unvoreingenommenen Betrachter der Szene hätte überraschen können.
Er schien über irgend etwas zu grübeln. Und dann ging er zurück, ostwärts dem Land zu, denn der Deich lag an der Nordseeküste im Holsteiner Land.
Die Sonne neigte sich bereits dem Horizont zu, und dort war die Silhouette eines Trawlers aufgetaucht, der bis dahin noch nicht erkennbar war.
Das Schiff schien dem heimatlichen Hafen zuzustreben. Hatte der Blonde auf dieses Schiff gewartet? Als der Trawler etwa eine halbe Stunde später im Hafen festmachte, war der junge Mann bereits verschwunden.
Er hatte keine Ruhe mehr gehabt am Deich, wollte ins Haus, sein Elternhaus.
Sein Vater war der Kapitän des Trawlers und auch sein Eigner. Und der junge Mann wollte mit ihm sprechen. Kapitän Lutz Töllner war ein eigenwilliger Fahrensmann, rau und verschlossen. Aber er liebte die See über alles, sie war sein Leben, sein Brot.
Anders sein Sohn Lukas. Er wollte nicht zur See fahren, niemals. Ihn faszinierte die Musik. Wie es kam, weiß keiner mehr. Als er eines Tages eine Blockflöte in die Hand nahm, konnte er spontan spielen. Er spielte auch auf der Violine seiner Mutter, und dann lernte er die Noten kennen.
Schon mit 18 Jahren spielte er in einem bekannten Orchester. Dort war er immer noch, aber der große Sprung war ihm bisher nicht gelungen. Er wollte alles, das Orchester für sich! Aber es war schwerer als er dachte. Ihm fehlte das Studium, und als Autodidakt waren ihm bei aller Begabung enge Grenzen gesetzt.
Aber die Frauen himmelten ihn an, und er war nicht abgeneigt. Es war ein Rausch, ein wilder Traum. Heute würde er sich für seine geliebte Anna, seine Jugendliebe, in den Tod werfen, aber morgen war sie vergessen.
Senta hieß sein neuer Traum und Wogen des Glücks schienen ihn zu erdrücken.
Lutz Töllner hatte einen Sohn - und eine Tochter.
Sein Sohn Lukas war kein Seemann und kein Fischer, das hatte er schon früh erkennen müssen.
Aber Asta, seine geliebte Frau, war auch nicht für Schiffsplanken geschaffen. Hier war wohl der Schlüssel für die falsche Weichenstellung. Sein Sohn wer nicht aus seinem Holz, aber ein Abkömmling seiner Asta, die als Sängerin durch die Lande gezogen war, ehe sie den starken Fischer in den Bann zog.
Als Lutz Töllner sein Anwesen erreicht hatte, war es dunkel. Seine Frau hatte ihn schon ungeduldig erwartet, und als er den Schlüssel in die Haustür steckte, war sie schon da. „Du bist spät Liebster“, sagte Asta, und als der raue Fischersmann sie in die Arme nahm, waren beide glücklich.
„Ist Lukas im Haus?“, wollte der Kapitän wissen. Asta zögerte. „Er ist abends angekommen“, sagte sie, „er schläft jetzt“. Lutz Töllner schien mürrisch. „Dann wecke ihn!“, sagte er schroff. Er wußte, dass sein Sohn Geld wollte. Er hatte sich mit einem Brief angemeldet, der seit Tagen die Stimmung im Haus trübte. Lukas Töllner stand schon in der Tür, niemand musste ihn mehr wecken. „Guten Abend Vater“, sagte er. Der Kapitän nickte mürrisch.
Sein Sohn Lukas war ihm nicht hart genug. „Das Leben erfordert Männer“, sagte er, „keine Hampelmänner“. Das traf Lukas tief, verbot jede weitere Bitte, jede Diskussion.
Lukas ging, er kam nie wieder.