Leonie oder das Ende des Bernsteinzimmers

Uri Gerson

ISBN: 978-3-928905-89-3
Seitenzahl: 310 Seiten
Verarbeitung: Broschur, 4-Farb-Umschlag
Preis: 11,90 Euro

Der Autor Uri Gerson verknüpft zwei unendliche Geschichten.
Den Waterkantgateskandal und die Suche nach dem Bernsteinzimmer.

Hauptkommissar Nipperdey und seine taffe Assistentin Leonie stecken nach einem ungewöhnlichen Tötungsdelikt bald im spektakulärsten Politskandal der Nachkriegszeit: Dem Tod des Ministerpräsidenten Uli Bürzel.
Außerdem verfolgen die beiden eine brandheiße Spur und kommen dem Geheimnis des legendären Bernsteinzimmers gefährlich nahe.
Leonie oder das Ende des Bernsteinzimmers ist ein Lesevergnügen für alle, die der Schubladenliteratur
überdrüssig sind. Uri Gerson erzählt fesselnd, ironisch, zeitkritisch.

Dies ist eine ausgefallene Geschichte und folglich für Leser bestimmt, die krimimüde geworden und an humorvoller Abwechslung interessiert sind. Es ist eine Parodie auf die üblichen Kriminalromane mit allen klassischen Elementen von Krimis und Spionage, gleichwohl mit realen Hintergründen, mit Irrungen und Verwirrungen und mit einem erfolgreichen Ermittlerduo: Herrn Nipperdey und seiner Assistentin Leonie.
Nipperdey ist ein literarisch und historisch interessierter sowie gemäßigt alternativ denkender Mensch! Zudem ist er Hauptkommissar in der Kieler Mordkommission, steht in der Mitte des Lebens und seit zwei Jahren von Fall zu Fall einer SOKO vor. Diesmal gilt es den Tod Jörg van der Rogges zu klären, eines Nachrichtenhändlers und angeblich brutalen Zuhälters. Gelegentlich stehen Nipperdeys Ansichten und Auffassungen im krassen Gegensatz zum Oberstaatsanwalt, genannt der Ostawa.
Differenzen ergeben sich aus der Natur ihrer Tätigkeiten: Nipperdey hat es mit Toten, Tätern und mit Tat- und Bumszeugen zu tun, die meist alles besser wissen – soweit sie noch leben. Der Oberstaatsanwalt sitzt überwiegend am Schreibtisch, vor ihm die Akten und hinter ihm Reihen von Gesetzeswälzern und dicken Kommentaren, und er weiß daher vieles noch besser als Zeugen, Reporter und Nipperdey. Nipperdey ist durchtrainiert, hat den schwarzen Gürtel, ist dunkelblond, nur einsachtundsiebzig groß und trotz seiner Vorliebe für gezapftes Bier, heiße Buletten und Soleier in Senf, ohne Bauchansatz. Außerdem ist er humorvoll, zuweilen zynisch und schwul.
An diesem Vormittag, dem Montag nach dem zweiten Advent des Jahres 2008 hat er die Morgenzeitungen durchgeblättert, nachgedacht – auch über die publikumswirksamen, gleichwohl ignoranten, weil realitätsfernen Ratschläge eines pensionierten fernsehgeilen Kollegen.
Trotz des gewaltsamen Todes von Jörg van der Rogge und seiner Hündin Holly hat Nipperdey – wie gesagt – an diesem Vormittag noch nichts kriminologisch Relevantes getan, nur in Zeitungen geblättert, nicht nur im Sportteil – und nachgedacht. Das Denken ist im übrigen eine seiner Hauptbeschäftigungen. An zweiter Stelle steht die Diskussion mit seinen Kollegen und mit Leonie, seiner jungen Assistentin.
Er fühlt sich ausgeglichen, sein jüngerer Freund, mit dem er seit mehr als zehn Jahren in einer eheähnlichen Gemeinschaft lebt, ist nach einer heftigen Auseinandersetzung – der dritten in diesem Jahr –, gestern Abend in die gemeinsame Wohnung zurückgekehrt. Er kann sich weder den Rest des Jahres, noch den Beginn des neuen ohne Nipperdey denken. Das hat er ihm unter Tränen gestanden. Nipperdey kennt das. Er ist nicht einmal ungehalten über das, was die Spalten der Zeitungen füllt, um die Leser gemäß Verfassungsauftrag zu informieren: Über Mord, Totschlag, Angriffe amerikanischer Bomber zur Verteidigung der Freiheit, über die vierte Babyleiche, die in diesem Jahr in einer Tiefkühltruhe, nicht in einer Mülltonne, gefunden wurde, über das Versagen aller Integrationsbemühungen und darüber, dass man einer Rentnerin im ICE ihre mit Klunkern und zwanzigtausend Schweizer Franken gefüllte Handtasche gemopst hat, die sie auf ihrem Sitz hatte liegen lassen, um kurz mal die Toilette aufzusuchen. Kopfschüttelnd über soviel Dummheit, fallen ihm Schlagzeilen ein, und er ändert in Gedanken tatsächliche, die den Leser erheitern könnten. Schließlich beginnt in Kürze das neue Jahr. Zum Beispiel: Dieter Hallervorden wollte den von Sebastian Haffner als bedeutendsten deutschen Politiker behudelten Spitzbart Walter Ulbricht ermorden; Bulldogge beißt Mann in Kropf und Kragen und Halterin in Hand und Hüfte; Der Steuersünder Zumwinkel bekommt, wie der Mörder Christian Klar, auch sein Recht; Hamburger Räuber in Berlin gefasst, ein anderer Räuber setzt sich nach Mallorca ab und: Bahnchef Mehdorn bespitzelt mit akribischer Pünktlichkeit seine Mitarbeiter und im historischen Vergleich: SA-Mann Gerhard Schröder und SS-Mann Günter Grass. Und Helmut Kohl und Mitterand gedenken Hand in Hand der Toten der Waffen-SS ... Doch das letztere ist schon Jahre, Jahrzehnte her; mit SA-Mann Schröder ist Adenauers Außenminister gemeint, der nichts zu sagen hatte. Dann fällt Nipperdey noch ein, dass alles schon einmal gedacht worden ist – mit anderen Worten, dass sich alles wiederholt – auf anderen Ebenen, und zuletzt eine Frage an sich: Wer und was bleibt den Israelis nach Barrack Obama?
Ihm selber, das weiß er, bleibt nach diesem Gedanken nur die kriminale Floskel: War nur eine Frage – an mich! Und dann denkt er noch daran, dass manches aus volkspädagogischen und überstaatlichen Gründen nicht in die Öffentlichkeit gehört – das verheimlicht, vertuscht, vergessen werden muss! Für die Suche nach heimlich Vertuschten ist er jedoch nicht zuständig – er sieht das als gesellschaftliches Problem.


Wochenspiegel Eutin vom 27. Juli 2011