Langer Rede kurzer Unsinn!

Ute Gieseler

ISBN: 978-3-928905-87-9
Seitenzahl: 156 Seiten
Verarbeitung: Broschur, 4-Farb-Cover
Preis: 11,90 Euro
vergriffen

Sieben Wochen in Namibia


Dieses ist die Geschichte einer ungewöhnlichen und viel zu kurzen Freundschaft!
Karin Rasch, geboren im Oktober 1958, gestorben am 11.Juli 2010.

Ich habe meinen Kontakt und meine Freundschaft zu dieser ganz außergewöhnlichen Frau niedergeschrieben.
Ich bin eine Frau von 50 Jahren, verheiratet und habe drei wunderbare Kinder. Mein Mann, Holger, musste schon zweimal während unserer Ehe akzeptieren, dass seine Frau alleine nach Afrika fährt. Auch in diesem Jahr hatte mich der Afrika Virus wieder gepackt! Mein Körper hat mir gesagt, dass ich mich entscheiden müsse! Entweder krank und Schmerzen in den Gelenken oder eine Herausforderung und ein Umdenken mit allen Konsequenzen!
Mein Selbstbewusstsein und meine innere Stimme haben mich dazu getrieben Kontakt nach Namibia aufzunehmen.
Das bedeutete für meine Familie, dass sie sich mal wieder, ein drittes Mal, alleine versorgen mussten. Unsere  Kinder sind alle drei erwachsen, doch da wir ein, ich möchte sagen inniges Verhältnis haben, ist es auch für sie schwer nachzuvollziehen, was ihre Mutter wieder für eine längere Zeit nach Afrika zieht, und doch nehmen sie es als gegeben hin!
Holger hat einen langen Kampf mit sich ausgefochten, bei dem, Gott sei Dank, die Liebe zu mir gesiegt hat. So fiel es ihm zwar unendlich schwer meine Entscheidung, schon wieder alleine, für dieses Mal sieben Wochen, nach Afrika zu reisen, zu akzeptieren, aber doch ließ er mich fahren und gab mir auch mit auf den Weg, dass ich wieder zurückkommen darf und auch erwartet werde.
Da ich nicht über viel Geld verfüge und somit es mir nicht leisten kann sieben Wochen »Urlaub« zu machen, bin ich im Internet auf die Suche nach einer  geeigneten Aufgabe gegangen.
Durch einen Zufall bin ich auf eine Homepage gestoßen, die einem Mann gehört, der gute Tipps für Namibia Reisende hatte. Diesem Mann habe ich diesen wunderbaren Kontakt zu verdanken!
Ich habe ihm geschrieben und gefragt, ob er mir nicht einen Rat geben könne, an wen ich mich wenden kann, oder wie ich herausfinden kann, wer jemanden so wie mich sucht, und dementsprechend für sieben Wochen beschäftigen kann.
Prompt bekam ich eine Mail zurück in der er mir versicherte, dass es bestimmt eine Chance gibt. Und er rät mir einen Leserbrief in die Namibische Zeitung »AZ« (Allgemeine Zeitung Namibia) zu schreiben. Diese Zeitung erscheint in Deutsch und wird im ganzen Land von vielen Deutschen gelesen.
In seiner Mail hat er mir einen Link, des heißt die Adresse der Zeitung mitgegeben.
Diese habe ich sofort aufgerufen und meinen Text eingegeben und losgeschickt. Gesagt, getan!
»Mein Name ist Ute Gieseler, ich bin 50 Jahre alt und habe einen Traum! Für sieben Wochen möchte ich gerne nach Namibia um Land und Leute kennen zu lernen. Um Urlaub zu machen reichen meine Finanzen nicht aus, deshalb möchte ich für Kost und Logis entweder auf einer Farm oder wo sonst meine Arbeitskraft gebraucht wird, wohnen und arbeiten.«



Leseprobe

Endlich gehts los ...

Liebe Karin,

all die Dinge die sich bei dir und deinen Freunden zutragen, lesen sich ja wie ein spannender Roman. Ein Roman in dem ich bald ein Teil sein darf.

Hoffentlich entpuppt sich’s nicht als billiger Schundroman! Oder als Horrorroman! Einen Tag nach Ostern geht Else, meine Betreuerin / »Haushälterin« in den Urlaub – bis Du ankommst. In einem Land wie Namibia ist die Wohnung total versifft! Auf die Hilfe auf die ich hoffte ist kein Verlass. Mit dem Vorbereiten klappte es nicht, wie geplant – könnte nur noch heulen.

 

Auf Okakango kann ich Dich nicht unterbringen, die sind gerammelt voll. Und dann wirst Du dort eingespannt, was nicht Sinn der Sache ist. ICH BRAUCH DICH  H I E R  BEI MIR!!! Weiß eh nicht, wie wir alles bewältigen sollen!!! Doch will ich versuchen, bis zu Deiner Ankunft einfach Tag für Tag anzugehen. Mit den Einkäufen warten, bis Du da bist, Dich ausschlafen lassen, und dann einfach zum Einkaufen schicken – Bitte sei vorgewarnt, es gibt hier herum echt nichts Besonderes! Alles andere was importiert ist, ist sauteuer! Was machen wir da nur! Brot ist ein Horror! Es wird halt hauptsächlich für die Schwarzen »angeboten« – alles. Unsereins ist’s gewöhnt, doch hab ich so schrecklich selten Besuch, dass ich keine Ahnung habe WIE und WAS und wie’s mit dem Kochen wird usw. Wärst Du bereit, mir da vor Ort zu helfen? 

Der Ritchell ist ja wirklich ein Pfundskerl! Ich freue mich schon ihn kennen zu lernen. Genauso das kleine dünne Mädchen. Es ist immer wieder ein Wunder, was die Arbeit auf einem Pferd für die Kinder erreichen kann. Ich will mir gerne Gedanken machen wie wir die Kinder beschäftigen können, da gibt es bestimmt etwas!  Wir brauchen viel, sehr sehr viel Ideen, bitte bitte! Sitze nach wie vor, nun noch mehr, mit Pferdemangel. Queen Andromeda kann erst in unabsehbarer Zeit kommen, die anderen hoffentlich sich eignenden Pferde erst Mitte bis Ende April. D.h.: Die Gören sind zu kurz, zu wenig und in zu großen Abständen auf den Pferden, zu viel am Boden und langweilen sich!

 

Das ich abgeholt werden kann hört sich sehr gut an. Doch wie ich ja schon einmal sagte, muss es nicht gleich um 5.00 Uhr morgens sein, wenn ich ankomme. Ich kann gerne ein oder zwei Stunden warten, das macht mir wirklich nichts aus.

Wahrscheinlich ist die Ankunftszeit 6.00 Uhr, da wir am Osterwochenende die Zeit umstellen – aber es wird wahrscheinlich etwas später sein, dass Harald D. und ich dort sein werden – Wildgefahr auf der Strecke, vor allem zwischen Windhoek und Flughafen, gen Osten in die aufgehende Sonne fahren – doch abgeholt wirst Du!!! 

Mit den Bildern die du mir schickst vermittelst du mir einen tollen und erwartungsvollen Eindruck. Ich freue mich schon sehr auf meine Arbeit mit dir.

Ich hoffe nur, dass alles Deinen Erwartungen entspricht und Du nicht allzu arg enttäuscht wirst! Doch will ich Dir überall so viel wie menschlich möglich freie Hand geben – nur ein ganz, ganz großes MUSS sind die Fotos – und ich darf gleichzeitig das Geschäft nicht vernachlässigen! Irgendwie muss ich das alles unter einen Hut bringen – versuche heute bereits, so viel wie möglich vorzuarbeiten.

Mit dem Frühstück ist es genauso wie mit allem anderen Essen. Eigentlich esse ich alles. Müsli, also Körner, genauso gerne wie z.B. Toast oder sonstiges Brot. Schwarzbrot gibt es ja in Afrika nicht! Da fällt mir ein, magst du Schwarzbrot? Soll ich ein wenig mitbringen?

So richtig, echtes Deutsches? Mmmmmh, kulinarischer Orgasmus!

Normalerweise bin ich sehr genügsam, also bitte keine zu vielen Gedanken über mein Wohlergehen, erst mal muss ich beweisen dass ich es überhaupt verdient habe.

 

Es geht hier nicht um’s Verdienen oder Verdienst, sondern wer funktionieren will muss essen! Da ich hauptsächlich von Luft, meiner Liebe zu Pferden und vice versa und die der Kinder lebe, ist es mir einfach schwer bis unmöglich, einen Speiseplan aufzustellen. Kommt noch dazu, dass ich ein vollkommen ungeregeltes Leben führe. Bitte bitte liebe Ute, brauch da echt Deine Hilfe und Deine Unterstützung – steh da voll neben mir! Deine Geduld und Dein Verständnis! Wir leben hier einfach in ganz anderen Verhältnissen ...



Lübecker Nachrichten vom 13. Februar 2011

Ostholsteiner Anzeiger vom 3. Januar 2011


Schicksalstreffen in Afrika

Von Dorthe Arendt


Eine Frau, die sich selbst kaum bewegen kann, aber in Afrika eine Reitschule für Kinder mit Behinderung leitet. Die einer Frau aus Deutschland die Augen darüber öffnet, was sie wirklich im Leben will. Und die vier Wochen nach der Abreise der Deutschen stirbt.

Die Geschichte nimmt im Dezember 2009 ihren Anfang, als Ute Gieseler plötzlich krank wird. "Von heute auf jetzt hatten sich alle meine Gelenke entzündet", berichtet die 50-Jährige. Heute ist sie sich sicher, dass die Ursache psychosomatisch gewesen sein muss. "Schon damals habe ich gespürt, dass die Entzündung in Afrika weggehen würde." Afrika habe sie schon immer fasziniert, erzählt die Lütjenburgerin, die verheiratet ist und drei erwachsene Kinder hat. Zwei Mal war sie bereits dort - immer allein, ohne Familie.

Herausfinden, was sie wirklich will - das erhofft sich die 50-Jährige von ihrer dritten Reise. Sie stellt vieles in Frage, ist drauf und dran, ihren Job im Kindergarten zu kündigen. Einen teuren Urlaub kann sich Ute Gieseler nicht leisten - deshalb schickt sie über das Internet einen Leserbrief an die "Allgemeine Zeitung Namibia", die auf Deutsch erscheint und im ganzen Land gelesen wird. Sie wolle für sieben Wochen nach Namibia, um Land und Leute kennen zu lernen, allerdings reichten ihre Finanzen nicht aus. Deshalb wolle sie für Kost und Logis dort arbeiten, wo ihre Arbeitskraft gebraucht werde, schreibt die Lütjenbürgerin.

Und muss fünf Wochen warten, bis im Januar 2010 endlich das Angebot eingeht, das sie elektrisiert: Eine kostenlose Reitschule für Kinder mit Behinderung, die von einer Frau geleitet wird, die selbst im Rollstuhl sitzt. Ute Gieseler lässt sich auf das Abenteuer ein und fliegt im April nach Afrika. Obwohl sie weiß, dass es ihrem Mann Holger schwer fällt, sie gehen zu lassen.

Auf der Farm in Okahandja im Zentrum Namibias angekommen, stürzen die Ereignisse schon am ersten Tag auf Ute Gieseler zu: "Ein Junge ist sofort zu mir gekommen, hat meine Hand genommen und mich den ganzen Tag beschlagnahmt", erinnert sich die 50-Jährige lächelnd. Sie habe gar keine Zeit gehabt, nachzudenken.

Ute Gieseler wird Mädchen für alles, fährt mit der Leiterin der Reitschule, Karin Rasch, in einem klapprigen VW-Bus durch die Armenviertel Okahandjas und holt Kinder zur Reitstunde ab, die behindert und benachteiligt sind. "Karins Ziel war es, den Kindern durch das Reiten und den Umgang mit Pferden einen Schritt ins Leben zu ermöglichen", berichtet die Lütjenburgerin.

Karin - wenn Ute Gieseler von ihr spricht, schweift ihr Blick in die Ferne. Fast so, als sehe sie die Frau vor sich, die ihr zum Vorbild geworden ist. "Sie hatte so eine unglaubliche Stärke, obwohl sie von der Hüfte an gelähmt war, und nur die Arme und den Kopf bewegen konnte", erinnert sich Ute Gieseler. Glasknochenkrankheit und Muskelschwund, dazu ein Reitunfall, bei dem sie sich das Rückgrat brach: "Karin hatte Schmerzen war immer auf Hilfe angewiesen." Dennoch gründete die deutschstämmige Versicherungsmaklerin die Reitschule, finanzierte sie aus eigenem Vermögen und aus Sponsorengeldern.

Reiterzubehör in Namibia ist teuer - zum Schutz tragen die Kinder Fahrradhelme. Die Pferde sind teilweise Geschenke von Farmern aus der Umgebung: "Die waren nicht zugeritten. Aber Karin war eine Pferdeflüsterin. Sie hat die Pferde zu sich in den VW-Bus gerufen, in dem sie immer saß, um sich vor Verletzungen zu schützen. Und dann hat sie mit ihnen gesprochen." Und danach hätten die Pferde die Kinder an sich herangelassen, berichtet Ute Gieseler, noch immer staunend.

Einmal in der Woche, immer sonnabends, kommen die Kinder. Mit anderen ehrernamtlichen Helfern packt Ute Gieseler dort an, wo sie gebraucht wird. Zeigt den Kindern, wie sie die Pferde striegeln müssen, hebt sie aufs Pferd, führt sie herum - und beobachtet die Fortschritte. "Die Kinder haben nicht nur motorisch gewonnen, sondern auch ihr Selbstbewusstsein ist gewachsen." Ute Gieselers eigene Krankheit, die sonderbare Gelenkentzündung, ist nach einer Woche weg.

Untergebracht ist die Lütjenburgerin im winzigen Gästezimmer von Karin Rasch. Hilft ihr im Haushalt, in den Rollstuhl, ins Bett. Und führt viele Gespräche mit ihr. "Sie konnte bis zum Schluss nicht verstehen, warum so eine ,blöde Deutsche’ wie ich das alles auf sich genommen hat, um ihr zu helfen", berichtet Ute Gieseler lachend. "Sehr direkt, eine Gerechtigkeitsfanatikerin, liebevoll, manchmal jähzornig. Und in jedem Fall bewundernswert" - so beschreibt die Lütjenburgerin Karin Rasch. "Obwohl Karin immer von sich selbst gesagt hat, sie sei alles andere als bewundernswert", berichtet Ute Gieseler.

"Langer Rede kurzer Unsinn!" - das sei ein Lieblingsspruch Karin Raschs gewesen. Genau so hat die Lütjenburgerin ihr Buch zum Andenken an die Frau genannt, die ihr in den sieben Wochen in Namibia zur Freundin geworden ist. Und die einen Monat nach Ute Gieselers Rückkehr nach Deutschland im Alter von 52 Jahren gestorben ist. "Die Nachricht war ein Schock für mich. Aber im Nachhinein glaube ich, dass es das Beste für Karin war."

Ute Gieseler bleiben die Erinnerungen an Karin Rasch, die sie durch ihr Buch mit anderen teilen möchte. Und dass sie selbst erkannt hat, was ihr wichtig ist. "Die Zeit in Afrika hat mich selbstbewusster gemacht, ich habe erkannt, was ich kann. Und dass ich nach Deutschland zu meiner Familie gehöre."

Den Kontakt zur "Stirrup Riding School" hält Ute Gieseler auch weiterhin - die Reitschule hat der ehemalige Fahrer und Helfer Harald Deckert übernommen. Und sie will wieder nach Namibia - allerdings nur gemeinsam mit ihrem Mann.

Ute Gieselers Buch "Langer Rede kurzer Unsinn! Sieben Wochen in Namibia" ist im Verlag71 erschienen.

Schaufenster Plön/Lütjenburg vom 18. Dezember 2010


Heins Monatsmagazin Lütjenburg – 1. Dezember 2010

Kieler Nachrichten vom 1. Dezember 2010