Harter Kern küsst weiche Schale

Cay Baron von Brockdorff

ISBN: 978-3-928905-72-5
Seitenzahl: 111
Verarbeitung: Taschenbuch, 4-Farb-Cover, Schutzumschlag
Preis: 9,90 Euro


Zu unrecht sagt man uns Schleswig-Holsteinern Wortkargheit nach. Gesprächigkeit hängt oft von der Windrichtung und der Geschwindigkeit ab. Wenn ein Orkan beim Sprechen in’s offene Mundwerk bläst, könnten Halserkrankungen und Zahnausfall die Folge sein, zumal jeder Bürger des nördlichsten Bundeslandes weiß, dass die Brücken bei Sturm gesperrt werden. Allein die Entscheidung, welcher der vier Sprachen man sich bedient, lässt uns manchmal etwas abwarten! Und wenn wir dann manchmal auch auf Platt verzichten, so verzichten wir selten auf die Plattitüde, die in unserem Verständnis das Vorspiel zu tiefgründigen philosophischen Gedanken und Betrachtungsweisen ist. Wortkarg ist also von Geburt aus kein Holsteiner, sonst hätten nicht so viele aus unserem Lande in aller Welt Freunde gefunden! Die meisten der Geschichten spiegeln Erlebnisse des Autors wider und zeigen auf, wie man sich heutzutage mit der Waffe des Wortes, in einer globalisierten Welt durchschlagen kann.


DBV – Der Baron verkündet – Comedy & Communications


Leseprobe
Dagegen ist kein Kraut gewachsen
Irgendwie regte sich ein guter Bekannter über die abgehobenen und wahrlich oft bürgerfernen Beschlüsse der Politiker im Bundestag auf. Ein weiterer Freund unterstützte ihn und kommentierte die Haltung mancher Abgeordneter mit den Worten: „Gegen soviel Dummheit ist kein Kraut gewachsen!“
Ich dachte: „Donnerwetter, der kennt sich in der Naturheilkunde aus – vielleicht ist er sogar ein Freund von Professor Hademar Bankofer, der im ARD-Morgenmagazin häufig Ernährungstipps verbreitete und über die Heilwirkung von Pflanzen äußerst kompetente Antworten gibt.
„Phytopharmaka“ nennt man die rein pflanzlichen Heilmittel, die man heutzutage in Pillenform in der Apotheke oder sogar im Supermarkt käuflich erwerben kann. Die Kräuter machen viele Menschen glücklich: Die, die sie sammeln, bekommen meist ein karges Einkommen. Die, die sie verarbeiten und vermarkten lassen, schon ein erheblich größeres. Und die, die durch den Glauben an die Genesung oder durch reale körperliche Wirkung – ohne den Glauben daran, gute Erfahrungen mit Kräutern gemacht haben, sind glücklich, weil sie wirken. Vielleicht lächeln die Chinesen deshalb immer so freundlich, weil neben der Akupunktur die Verabreichung von Kräutern einer der Grundpfeiler ihrer Medizin ist. Und clevere Pharmazeuten lassen es in der Kasse läuten. Nur Kraut ist eben nicht Kraut. Nicht jedes Kraut heilt, zumal in die Kräutermedizin auch von manchen großzügig Pilze mit einbezogen werden. Und die haben es bekanntlich in sich.
Immerhin versteht man unter „Kraut“ nützliche Pflanzen, deren oberirdische Teile nicht verholzen. Das trifft auch auf Pilze zu. Ich erinnere mich  beim Thema Pilze an die Geschichte der vierfachen Witwe. Drei ihrer Gatten starben an Pilzvergiftung – und der vierte an Schädelbasisbruch, weil er die Pilze nicht essen wollte! Es gibt z.B. Pilze, die nicht giftig sind, aber wie Drogen wirken und damit auf einer Stufe stehen mit Hanf, der als Nutzpflanze sehr hoch wachsen kann, aber auch als „Gras“ ein Kraut ist.
Und was ist z.B. Sauerkraut? Sauerkraut macht den Enddarm laut! Sauerkraut hilft beim Verdauen – und die Geräusche erzeugen Grauen! Nur Sauerkraut wird aus Weißkohl hergestellt und Kohl ist bekanntlich sowohl für Blaukraut als auch für Sauerkraut die Grundlage. In Jägerkreisen wird Kraut auch als Bezeichnung für Schießpulver verwendet und die Engländer benutzen das Wort „Kraut“ als abwertenden Begriff für uns Deutsche. Heißt also das geflügelte Wort: „Dagegen ist kein Kraut gewachsen“
„Zur Verteidigung konnten wir keinen Deutschen großziehen“?, oder bezieht sich dieser Ausspruch doch mehr auf die naturheilkundlichen  Aspekte von Melisse, Arnica und grünem Tee? In Afghanistan sind viele in Deutschland aufgewachsene „Krauts“ als Soldaten tätig, die Pflanzen wie Mohn und anderen Unkräutern vor Ort argwöhnen und im Zweifel bekämpfen. Shakespeare würde in unserem Jahrhundert es nicht wie im Hamlet formulieren „Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage“, sondern im Hinblick auf die Staatsangehörigkeit der den internationalen Terrorismus bekämpfenden Soldaten „Kraut oder Un-Kraut“ als Alternativ-Frage stellen, genauso wie es im zusammen wachsenden  Europa  hieße: „Garn oder Ungarn?“ Aber die Vergleiche sind irreführend und verwirrend.
Nennt man einen „Nichtdeutschen“ Weltenbürger „Un-Kraut“ wird man mit der Doppeldeutigkeit  zur Pflanzenwelt (Unkraut = nutzlose Pflanze) Ärger mit den so bezeichneten Menschen bekommen, nennt man die Menschen, die keine Ungarn sind, „Garn“, verwirrt man die gesamte Textilindustrie und das Schneiderhandwerk. Gegen diese Verwirrung ist kein Kraut gewachsen.
Der Bereich der Kleinsttiere, also der Insekten, ist genau so betroffen: Alle reden von Ungeziefer, wenn es sich um Nutzpflanzen befallende Schädlinge handelt. Aber wen redet man mit „Geziefer“ an? Klingt dieser Begriff wirklich nach „Nützling“? Ist es ein Kompliment, wenn Sie jemandem sagen: „Ich halte Sie und Ihr tun für mehr als nur Geziefer“?
Die alte Bedeutung von „Kraut“ als Schießpulver hat wohl kaum eine Bedeutung im Zusammenhang mit „Dagegen ist kein Kraut gewachsen!“ Aber wie sieht es mit dem Schießen selbst aus? Reden wir nicht auch von „In’s Kraut schießen“, wenn sich Dinge unkontrolliert entwickeln? Löst nicht jemand, der mit einer Waffe in’s Kraut - also Schießpulver - schießt, eine größere Explosion aus? Nicht auszudenken, wenn ein Kraut (Deutscher) mit Kraut (Schießpulver) in’s Kraut (Schießpulver) schießt. Dann wird durch den Kraut das Kraut ohrenbetäubend laut. Nach dem Knall ist das Kraut dann nicht mehr als Nutzpflanze zu bezeichnen, die oberhalb der Erdoberfläche nicht verholzt, weil sie alles verkohlt hat.
Also, man sollte in der Bedeutung von Schießpulver nicht in’s Kraut schießen, denn dagegen wäre kein Kraut gewachsen. Bezogen auf reale oder eingebildete „Schieflagen“ in Gesundheits- oder Lebenssituationen ist das Heranziehen der Natur, also die pflanzliche Basis der Problemlösung oft ein Segen. So kann z.B. Hanf als Nutzpflanze, die oberhalb der Erdoberfläche nicht verholzt, – also im Sinne der Definition von „Kraut“ ein echtes „Kraut“ ist – als Abschleppseil für liegen gebliebene Automobile dienen, auf Rezept Krebs kranken Menschen bei der Schmerzlinderung helfen, oder als Hinrichtungs-Strick zur Vollstreckung von Todesurteilen an Diktatoren die weltpolitische Lage verändern.
Es ist zwar nicht gegen alles ein Kraut gewachsen, aber für Kräuter gibt es viele nützliche Anwendungsmöglichkeiten auf dieser Welt, sei es als Gewürz oder als Arznei. Insofern rufe ich solchen gehässigen Engländern, die uns Deutsche als „Kraut“ bezeichnen, mit Freude zu: „Ich bin stolz, ein Kraut zu sein!“



Kieler Nachrichten – Sonnabend, 20. Dezember 2008

kurz und bündig – Informationsschrift des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft in MV – 1. Dezember 2008

Schaufenster – 19. November 2008

SHZ - Schleswig-Holstein am Sonntag – 16. November 2008