Zwölf kleine Köstlichkeiten

Cay Baron von Brockdorff

ISBN: 978-3-928905-54-1
Seitenzahl: 111 Seiten
Verarbeitung: Englische Broschur, 4farbiger Schutzumschlag
Preis: 9,90 Euro

Zu unrecht sagt man uns Schleswig-Holsteinern Wortkargheit nach. Gesprächigkeit hängt oft von der Windrichtung und der Geschwindigkeit ab. Wenn ein Orkan beim Sprechen in’s offene Mundwerk bläst, könnten Halserkrankungen und Zahnausfall die Folge sein, zumal jeder Bürger des nördlichsten Bundeslandes weiß, dass die Brücken bei Sturm gesperrt werden. Allein die Entscheidung, welcher der vier Sprachen man sich bedient, lässt uns manchmal etwas abwarten! Und wenn wir dann manchmal auch auf Platt verzichten, so verzichten wir selten auf die Plattitüde, die in unserem Verständnis das Vorspiel zu tiefgründigen philosophischen Gedanken und Betrachtungsweisen ist. Wortkarg ist also von Geburt aus kein Holsteiner, sonst hätten nicht so viele aus unserem Lande in aller Welt Freunde gefunden! Die meisten der Geschichten spiegeln Erlebnisse des Autors wider und zeigen auf, wie man sich heutzutage mit der Waffe des Wortes, in einer globalisierten Welt durchschlagen kann.
DBV – Der Baron verkündet – Comedy & Communication


Leseprobe
Lecker
Ich strich aufgekratzt durch meinen Lieblings–Famila-Markt. Die wesentlichen Dinge des täglichen Bedarfs hatte ich bereits im Einkaufswagen, aber ich drehte noch eine Runde, weil ich einerseits planlos, andererseits von  Kauflust beseelt war.
Kaum hatte ich die Fleischtheke passiert, fiel mir ein Promotion-Stand auf, der Käsehappen und französischen Rotwein feil bot. Eine wohlproportio- nierte, gepflegte, hellblonde Propagandistin strahlte mich an: „Na, junger Mann, möchten sie mal probieren?“ Ich war entzückt davon, dass sie mir mit ihrer Frage Jugend bescheinigte und davon, dass ihr Decolté eine enorme „Kellner-Distanz“ in sich barg. Zumindest ihr stand sie – die Kellner-Distanz! (Der Begriff „Kellner-Distanz“ ist ein anderes Wort für Ober-Weite). Da sie mit ihrer Frage, ob ich probieren wolle, nicht präzise fragte, was ich denn genau probieren wollte, konterte ich irritiert mit begeisterten Augen, die sich am Ausschnitt fest zu saugen schienen: “Wie? Was? Probieren? Wein, Käse oder Sie?“ Obwohl sie eher den Eindruck machte, dass sie in ihrer Karriere einem mittelmäßigen Abitur eher einen stabilen Hauptschulabschluss vorgezogen hatte, reagierte sie spontan, schelmisch und humorvoll: „Mich wohl weniger“ und strahlte mich dabei mit ihren blauen Augen belustigt an.
Ich schloss daraus messerscharf: „Also, das andere mehr, sie nur begrenzt...“!  - „So in etwa ist es richtig“, erwiderte sie lächelnd und ging zu ihrem eigentlichen Anliegen über : „Ich kann ihnen hier im Rahmen der französischen Wochen einen leckeren, gut gereiften Camembert und einen jungen Beaujolais anbieten!“ „Tun sie das bitte“ erwiderte ich.  „Was?“ fragte sie interessiert. „Na“, meinte ich, das, was sie können!“  - „Wie? – ich verstehe nicht, was sie meinen!“ fragte sie nach. „ Ach“ fragte ich spitzbübisch zurück „sagten sie nicht eben, dass sie mir Wein und Käse als Probe anbieten können? „Ja“ sagte sie. „Und ich bitte sie nun darum, mir endlich Wein und Käse anzubieten, denn sie sprachen nur davon, dass sie es tun können, nicht aber davon, dass sie es tun werden!“ -  „Ach so, hä...hä... Sie sind aber ein lustiger Vogel und nehmen es mit den Worten wohl sehr genau!“ Meine Antwort war angemessen: „In Zeiten der Geflügelseuchen müssen Vögel auch lustig sein, sonst stürzen sie ab.“ Sie grinste. Ich setzte fort: „Nur glaube ich, dass sie Aussagen auch sehr ernst nehmen!“ „Wie meinen sie das?“ fragte sie neugierig und amüsiert nach. Ich wies auf ihren etwas protzigen Ehering und sagte: „Schauen sie, zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung haben sie ihr Ja-Wort und das Gelübde ihres Mannes sehr ernst genommen!“ „Das stimmt“ entgegnete sie, „zu dem Zeitpunkt schon!“ und kicherte wie ein pubertierendes Mädchen. „Sehen sie, und das ist gut so! Denn wären sie sich schon damals nicht sicher gewesen, hätte das möglicherweise auf ihre Entwicklung einen negativen Einfluss gehabt!“  - „Ja, aber heutzutage wissen mein Mann und ich, was wir aneinander haben und gestatten uns schon einmal den einen oder anderen Flirt. Sie wissen ja, Appetit holen woanders ist erlaubt, aber gegessen wird zu Hause!“ flötete sie. „Zuhause ist ein guter Ort für einen guten Zweck!“ erwiderte ich ernst. „Ja“, sagte sie, „ das sehe ich genau so!“ – „Das heißt, wenn sie fremde Leute, mit denen sie auswärts flirten, mit nach Hause bringen..., ähm ..., wird dann dort gegessen, bzw. werden sie dann vernascht?“ Sie kicherte: „So habe ich das bislang noch gar nicht betrachtet. Bisher habe ich unter dem Sprichwort ‚woanders Appetit holen – aber gegessen wird zu Hause, so verstanden, dass man mit anderen Männern flirtet, aber sich zuhause mit seinem eigenen Partner vergnügt! – Das gestatte ich auch meinem Mann!“ - „Was ?“ fragte ich verblüfft. „Sie gestatten ihrem Mann, mit anderen Männern zu flirten. Finden sie das wirklich gut?“ „Quatsch“ meinte sie, „natürlich nur mit anderen Frauen. Sie legen aber auch wirklich jedes Wort auf die Goldwaage!  „Im Gegenteil, ch lege jeden interessanten Satz auf meine Zunge und lasse ihn dort zergehen! Wie den Käse und den Wein, den sie mir nun endlich mal kredenzen können, denn dazu sind sie ja wohl hier!“ Sie errötete und ich merkte an ihrer Körpersprache, dass es ihr peinlich war, durch das Gespräch ihre Pflichten als Propagandistin vernachlässigt zu haben.
Sie sagte mit ausdrucksstarkem Charme: „Greifen sie zu!“ Ich blickte auf ihr attraktives Dekolleté  und fragte: „Wie meinen sie das?“ Sie nahm meine Blickrichtung wahr, lachte schallend und sagte: „natürlich nur bei Wein und Käse!“ Und mit mahnendem Unterton und erhobenem Zeigefinger ergänzte sie: „Sie wissen doch: Appetit holen woanders ist erlaubt – gegessen wird zuhause! Das gilt auch im übertragenen Sinne!“ Ich nahm artig zwei aufgespießte Käsestückchen zu mir und ließ mir das kleine Pröbchen Rotwein auf der Zunge zergehen.
„Lecker!“ sagte ich. „Noch einen?“ fragte sie. Ich bejahte, trank noch drei weitere Gläschen Rotwein zur Probe und aß auch noch einen Happen Camembert. Sie fragte mich, ob ich aus der Gegend käme. Ich erwiderte, dass ich den Ort „der Gegend“ nicht kennen würde, aber nannte ihr meinen Wohnort.
Ich kaufte ihr drei Flaschen Rotwein und 250 g Camembert ab, bedankte mich höflich und wollte gerade weiterziehen, da fragte sie: „Haben sie noch einen bestimmten Wunsch, den ich ihnen erfüllen könnte?“  „Ja“, erwiderte ich freundlich, „ihr Rotwein zeigt bei mir schon seine erste Wirkung! Tragen sie mich also bitte zur Kasse und schneiden sie mir auf dem Weg dorthin die Fußnägel!“ Sie prustete und lachte lauthals: „Na sie haben aber Vorstellungen! Wie soll ich das denn hinkriegen?“
„Sie haben mit ihrer Fragerei ein Problem heraufbeschworen, sie werden es dann auch zu lösen wissen!“, war meine Antwort.
„Ich halte das im Kopf nicht aus, wie kann man sich nur solchen Quatsch  in Sekundenschnelle ausdenken!“
Ich reagierte gelassen: „Da sie es nur im Kopf nicht aushalten, ist der Rest des Körpers ja noch wohl auf. Und es wäre sehr traurig, wenn man sich für das Ausdenken von Quatsch auch noch sehr viel Zeit nehmen würde. Das Leben ist hart genug und wir brauchen die Zeit für das Meistern der Realität. Aber als Mitglied der ‚Spontan-Union’ entfleucht mir hin und wieder der eine oder andere Scherz!“ „Übrigens“ – ergänzte ich zur Beflügelung der Geschichtskenntnis meiner Gesprächspartnerin, „die Montan-Union war eine europäische Institution für Kohle und Stahl und führte später mit zur Gründung der EU, die Spontan-Union ist eine Erfindung von mir und führt allenfalls zum Lachen!“
„Danke für die aufklärenden Worte, ich habe mir ähnliches gedacht!“, erwiderte sie und überreichte mir mit einem verführerischen Lächeln ihre offensichtlich selbst gestaltete und laminierte Visitenkarte mit den Worten: „Da ich ihnen ihren Wunsch, zur Kasse getragen zu werden - bei gleichzeitigem Schneiden ihrer Fußnägel - nicht erfüllen kann, habe ich mir gedacht, dass ich sie mit Wein und Käse persönlich beliefern werde, wenn sie es wünschen! Anruf genügt und ich komme!“
Ich empfand dies als einen enorm klugen kommunikativen Schachzug. Sie widerlegte damit alle Vorurteile gegenüber Blondinen und berührte mich auf sympathische Weise so emotional, dass ich aus der Hosentasche meiner Jeans mein abgewetztes Portemonnaie zog, in der sich eine einzige etwas verknitterte Visitenkarte befand! Ich gab sie ihr mit den entschuldigenden Worten: „Es tut mir leid, dass ich ihnen hier nicht eine frische Visitenkarte ohne Eselsohren geben kann, aber ich war auf ein so nettes Gespräch gar nicht vorbereitet, sondern nur zum Einkaufen hier! Sie hingegen sind ja richtig professionell mit ihren Visitenkarten auf alle Lebenslagen eingestellt. Kompliment!“ Sie errötete und sagte „Tja, man muss im Berufsleben eben auf alle Eventualitäten vorbereitet sein!“
Ich konterte mit hellseherischer Präzision: „Das hat ihnen bestimmt ihr Klassenlehrer in der Berufsschule geraten!“
Es schien sie der Blitz getroffen zu haben. Ihr Mund stand halb offen und sie lächelte: „....das stimmt sogar! Sind sie Hellseher?“
„Richtig erkannt! Und das ist erst der Anfang“ grinste ich.
„Mein Gott, mit wem habe ich es hier nur zu tun?“ hauchte sie.
„Das steht auf meiner Visitenkarte“ versicherte ich ihr, „aber da sie gerade von Gott reden, sind sie sehr gläubig?“
Die Frage verblüffte sie und sagte: „Wie soll ich diese Frage verstehen? Eigentlich nicht ... äh ... ja, zu Weihnachten gehe ich mal in die Kirche!“
„Aha“ sagte ich, „und wie danken sie es täglich dem lieben Gott, dass sie soviel Charme, Fröhlichkeit und Anmut ausstrahlen?“ Sie errötete mädchenhaft, ich lächelte, sagte „Tschüss“ und schob meinen Wagen zur Kasse. Auf dem Weg zum Parkplatz sinnierte ich: „Famila, der familienfreundliche Verbrauchermarkt!“ Diese Werbeaussage reicht nicht. Die Leute bringen einen ja auch noch zusätzlich nachhaltig in eine gute Stimmung! Das muss ‚gepetzt’ werden.
Als ich dann meine eingekauften Waren in den Kofferraum lud und der Wein und der Käse dran waren, dachte ich auch noch einmal kurz an die Propagandistin und fasste innerlich die Gesamtsituation mit einem Wort zusammen.
„Lecker!“


Maja Fux vom 16. Oktober 2009

Lieber Cay Baron von Brockdorff,

es steht fest,
Ihr Buch zu lesen
war für mich ein Fest,
you are the best.

Die Köstlichkeiten wie eine Perlenkette,
eine nette, eine Kokette,
eine wie bunte Palette.

Zu Ihren Zeilen
könnte ich noch was sagen,
die eröffnen viele Fragen,
auch viele Assoziationen wurden wach...
und ich verneige mich vom Herrn Proust,
durch ihn wurde mir dieses Denken bewußt.

Ihnen sage ich nochmals DANKE,
daß ich von Ihren Köstlichkeiten
ein bißchen Mut für mein Leben tanke
und nicht so viel in meiner Melancholie wanke.

Herzlichst
Ihre Maja Fux

Kieler Nachrichten vom 16. Januar 2007