Die Baron von Brockdorff September-Kurzgeschichte

„Der nicht bestellte Tisch“
von Cay Baron von Brockdorff

© September, 2009

Geschäftsfreunde und ich gehen gern in Plön in das Lokal „Eisenpfanne“ in der Langen Straße. Dort wird man nicht nur freundlich bedient, sondern die offerierten Speisen sind immer reichlich und schmackhaft. Deshalb gilt die „Eisenpfanne“ als der „Geheimtipp“ der großen Massen, ist also ständig gut besucht. Einer der Miteigentümer ist Kuno, den ich schon vor Jahren wegen seiner freundlichen und umgänglichen Art in Ku-yes (statt Ku–no) umgetauft hatte.

Weil alle guten Faktoren für Erfolgsgastronomie vorliegen, ersann ich eine Ehrenbezeichnung für dieses Ausnahmelokal: KUKUPU. Da heißt soviel wie „Kunos kulinarischer Puff!“  Nun denken natürlich viele aufgeklärte Gemüter sofort bei dem Begriff „Puff“ an ein für käufliche sexuelle Handlungen ausgestattetes Etablissement. Dies sieht im KUKUPU anders aus. Zwar bewegen sich dort die Damen auch besonders schnell und freundlich, aber nicht zur Ausübung sexueller Handlungen, sondern um die Kunden kulinarisch zufriedenzustellen, also auf ihre Weise liebevoll zu befriedigen: denn Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Das Einzige, was vielleicht an ein Etablissement des üblichen „Puff-Verständnisses“ erinnert, sind die fest montierten Separees, in denen der Genuss von Speis' und Trank unverrückbar vorgenommen wird. Somit wäre auch Table-Dance möglich, ist aber dort grundsätzlich unerwünscht. Im Übrigen ist der Begriff  „Puff“ nicht unbedingt im Zusammenhang Prostitution und Bordellen zu sehen. Es gibt beispielsweise  gepufferte Lebensmittel und Speisen wie z.B. Kartoffelpuffer und Puffreis. Ich habe nirgendwo auf der Welt auch nur ein einziges Reiskorn „anschaffen“  gesehen, wohl aber Frauen, die für einen Korn anschaffen gingen. Die illustre Bezeichnung für dieses aus Getreide gebrannte alkoholische Getränk heißt Gabiko, in der textlichen Vollversion „ganz billiger Korn“ genannt.

Ein führender Plöner Notar berichtete – vermutlich um die Teilnehmer einer äußerst unamüsanten Beurkundung ein wenig zu erheitern – , dass er in einem bekannten Landgasthof der Region  zu später Stunde einige junge Damen beobachtete, die als Aperitif nach einer Flasche Gabiko verlangten. Nun gut. Vielleicht war es ja in Wirklichkeit kein Landgasthof und vielleicht bestellten die Gäste kurz vor Mitternacht auch kein Essen mehr. Wer weiß? Im Kreis Plön ist im Prinzip alles denkbar. Mich erinnert gerade die Formulierung „im Prinzip ja“ an die schon vor  Jahrzehnten beliebten „Radio Eriwan“-Witze, die den Humor der Armenier auf dieser Welt wiedergeben. Jede Pointe von Radio Eriwan beginnt mit den Worten: „Im Prinzip ja …“ Und einer der schönsten Witze in dieser ehemals sowjetischen Region Eriwan lautete: „Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass bei einer großen Tombola in Moskau der Genosse Igor Igorowitsch einen Moskwitsch – also ein Auto – gewonnen hat?“ Radio Eriwan antwortete wahrheitsgemäß: „Im Prinzip ja, doch es handelte sich nicht um Igor Igorowitsch sondern um Kuno Kunowitsch und es geschah nicht in Moskau sondern in Leningrad. Allerdings handelte es sich nicht um ein Auto, sondern um ein Fahrrad. Und er hat es nicht gewonnen, sondern es wurde ihm gestohlen!“  

Nun fragt sich natürlich der im logischen Denken trainierte Leser:
Was soll der Quatsch! Warum erzählt uns der Dichter was von Puffreis, Gabiko und Eriwan? Wo ist der sogenannte rote Faden der Geschichte? Hat er heute nicht alle Tassen im Schrank?“ Beides stimmt. Der „rote Faden“ ist generell aus politischer Rücksichtnahme etwas versteckt und in der Tat hat ‚der Autor’ heute nicht alle Tassen im Schrank. Ein Großteil befindet sich in der Geschirrspülmaschine. Im Prinzip habe ich Ihnen aber doch schon eine ganze Menge von mir und meiner Heimatregion erzählt, vermutlich um anzugeben!

1. dass ich das meist gut besuchte Lokal Eisenpfanne zu Ehren seines Ku „yes“ genannten Mitinhabers Kuno „Kukupu“ nenne, dass sich in diesem kulinarischen Puff  die Damen schnell und freundlich hin zu den fest montierten Separées bewegen und dass das, was man dort bekommt, reichlich und schmackhaft ist.

2. dass es in Plön mindestens einen Notar gibt, und dass dieser zu später Stunde nichts anderes zu tun hat, als in einem angeblichen Landgasthof – einem Lauschangriff ähnlich – von einigen den Suff anvisierenden jungen Damen den Begriff GABIKO aufschnappt und mit diesem zur Beurkundung erschienene Klienten unerwartet und außerplanmäßig konfrontiert.

3. dass ich mich mit alten Witzen aus dem Ostblock auskenne.

Ich befürchte, dass Sie sich mehr für Kukupu als für Gabiko interessieren und erzähle Ihnen deshalb eine wahre Begebenheit aus der „Eisenpfanne“.

Mein Junior-Partner in der weltweit noch relativ unbekannten „Keimzelle eines multinationalen Konzerns“ (B&C Brockdorff and Company), bezeichnet die Eisenpfanne immer als „unsere Filiale Plön“. Und wenn er Hunger hat, will er da auch hin. Er hat oft Hunger. So begaben wir uns eines Mittags in das völlig überfüllte Lokal und versuchten zunächst, ein freies Separée zu erspähen. Vergebens! Katrin Kobus – das ist die blonde Gastronautin* mit den blauen Augen und dem Schalk im Nacken – fragte freundlich: „Haben Sie einen Tisch bestellt?“ „Nein“, war unsere Antwort, „ein Bücherregal – und zwar nicht bei Ihnen sondern bei einem schwedischen Möbelhaus!“  Sie verdrehte lachend die Augen und meinte: „Dann müssen Sie etwas warten!“ „Auf das Regal vom Schweden oder auf den Tisch von Ihnen? Sind Sie jetzt Möbelhaus geworden oder gibt’s hier noch was zu essen!“

Sie lächelte souverän und konterte selbstbewusst: „Auf Ihre Sprüche habe ich gerade noch gewartet!“ „Na prima, dass wir gekommen sind“, sagte Frank keck, „dann hat sich Ihr Warten ja gelohnt! Gibt es denn für uns bei Ihnen noch für uns was zu Essen?“ Freundlich, aber etwas genervt reagierte sie in gedehntem Tonfall: „Im Prinzip ja, Sie müssen nur warten, bis der Tisch dort in der Mitte frei wird!“

„Im Prinzip ‚ja’, das kennen wir doch von Radio Eriwan, waren Sie dort mal Ansagerin?
, war meine für sie jetzt wirklich überflüssige Nachfrage.

„Ja“, sagte sie und verduftete mit rasanter Höchstgeschwindigkeit in Richtung Küche.

Als sich die vier Leute aus dem mittleren Separée gesättigt erhoben, hatten wir uns anhand der auf Tafeln angebotenen Spezialitäten und Tagesgerichte schon orientiert. Kaum hatten wir Platz genommen, konfrontierte uns Frau Kobus mit der Frage: „Wünschen die Herren schon etwas zu trinken? Damit es schneller ging, sagten wir nicht nur „ja“, sondern wir nannten auch die Getränke, nach denen uns gelüstete. Als Sie diese servierte, fragte sie mit Blick auf die Speisekarte: „Haben Sie schon gewählt?“ Aus Frank brach der Komödiant heraus und er konterte: „Erst spielen Sie uns mit der Frage nach der Tischbestellung den Möbel-Lieferanten vor und jetzt werden Sie mit der Frage ‚Haben Sie schon gewählt?’ knallhart politisch. Sind wir in der Eisenpfanne oder im Wahllokal?“

Frau Kobus traf Frank am wunden Punkt:
Wollen Sie nun was essen, oder sollen wir’s für heute vergessen?“ Natürlich wollte er und gab fast handzahm die Bestellung auf.

Das Essen schmeckte. Beim Bezahlen bemerkte er: „Dafür, dass wir keinen Tisch bestellt hatten, war das Essen besonders lecker! und ergänzte reimend: „Ob KUKUPU, ob  Gabiko – hier zu Essen macht uns froh!“ – „Gut“, meinte Frau Kobus anerkennend zu Frank: „Goethe hätte vermutlich nicht besser gedichtet! „Was aber um Himmels willen ist ,Kukupu’? und was ist Gabiko?“ Bei Gabiko sah man ihrer Nasenspitze an, dass sie zumindest eine Vorahnung hatte, wenn nicht sogar durch Fachwissen glänzte. „Zum Begriff Gabiko befragen Sie bitte einen führenden Plöner Notar und den Begriff Kukupu erläutern wir Ihnen nach Absprache mit Kuno!“, war meine Reaktion. „Okay, dann bin ich schon sehr gespannt“, meinte Frau Kobus bei der Verabschiedung. „Für einen nicht bestellten Tisch hielten Sie sich ziemlich frisch!“, war meine Würdigung am Ende eines „kulinarischen Wortgefechts“. Dann gingen wir.

* Eine Gastronautin ist eine liebevolle weibliche Kraft in der Gastronomie, die schnell und zielstrebig das im Lokal umsetzt, was von den Gästen gewünscht wird, und das mit einer traumwandlerischen Schnelligkeit und Weitsicht, die von den Astronauten seitens der NASA gewünscht wird.

Erfa�t am: 07.09.2009 - 14:36 Uhr