Cay von Brockdorff März Kurzgeschichte

„Ich bin ganz Ohr“

 Kurzgeschichte von Cay Baron von Brockdorff über „Sein und Haben“


„Wer nicht hören will, muss fühlen! “So lautet oft die unangenehme Erziehungsparole wütender Eltern gegenüber ihren Kindern. Aber auch Erwachsene bedienen sich oft dieses Grundsatzes, wenn sie in der Kommunikation an die Grenzen ihrer Leidensfähigkeit gelangt sind. So schrie Oberförster Kuno Strietzel seine schwerhörige Frau Amanda lauthals an: „Du solltest nicht hinter Buchen kacken, sondern mir einen Kuchen backen!“ Dann zog er seine Gattin am linken Ohr aus dem Unterholz in die Lichtung, auf der sie sich zunächst ihre wollene Strumpfhose hochzog, um ihm dann in devoter Körperhaltung in’s Forsthaus zu folgen. Es gab schon von Anfang an unterschiedliche Erwartungshaltungen beider zu Beginn ihrer Beziehung. Er hatte die Reihenfolge des Volksmundes „Lieber ne Stumme im Bett als ne Taube auf dem Dach!“ in’s Gegenteil verkehrt und hatte nun eine Taube im Bett und keine Stumme auf dem Dach! Sie hingegen hatte zu Beginn ihrer Liason die Berufe Förster und Jäger verwechselt. Sie dachte, dass ihr der Förster Strietzel ohnehin nur „Jägerlatein“ erzählen würde, das man ja im Alltag nicht so ernst nehmen müsse – vielleicht sogar überhören könne. Und das wäre ihrer auditiven Wahrnehmungseinschränkung stark entgegen gekommen. Aber Förster haben prinzipiell nur mit dem nachwachsenden Rohstoff Holz zu tun. Insofern war sie auf dem Holzweg! Und somit war auch die erhoffte Überhörbarkeit des unterstellten Jägerlateins Schall und Rauch. Ihr Gatte Kuno verlangte zwar keine Hörigkeit, aber dass man ihm Gehör schenkte.

Der ehemalige Bankvorstand und spätere Immobilienvisionär Peter F. aus Düsseldorf-Wittlaer – selbst Besitzer eines Hörgerätes – brachte es einst wie folgt auf den Punkt: “Wir Menschen sind grundsätzlich alle gleich und unterscheiden uns eigentlich nur im Grad der Vermurkstheit!“ Wie wahr!

Mein Vaterer litt im fürchterlichen ersten Weltkrieg 1917 durch einen Granateinschlag in nächster Nähe einen irreparablen Hörschaden. Er, der mir um 53 Jahre an Lebenserfahrung überlegen war, konnte Gott sei Dank einmal meinen Reim „Platzt das Trommelfell durch Knall, wird das Gespräch zum schweren Fall!“, nicht hören. Meine Mutter, meine Schwester und ich haben ihn sehr geliebt und seine Güte, Wärme, Großzügigkeit und Herzlichkeit immer geschätzt Aber es ist schon schwierig, ohne das Erlernen der Gebärdensprache Zärtlichkeit über die Lautstärke der eigenen Stimmbänder mitzuteilen. Ich zumindest empfinde es nicht als aphrodisierend, einen geliebten Menschen im Tonfall eines Unteroffiziers auf dem Kasernenhof anbrüllen zu müssen: „Ich liebe Dich!“ Und wenn dann der angeschriene Mitmensch dann noch nachfragt: “Wie bitte?“, reduziert das die Belastbarkeit des Geduldsfadens und die spontane verbale Begeisterung!

Dennoch hat die Weisheit des Düsseldorfers Peter F. „Eigentlich sind wir Menschen alle gleich – wir unterscheiden uns nur im Grad der Vermurkstheit“, gerade für die Kommunikation eine hohe Bedeutung. Natürlich gehören dazu alle physiologischen, also körperlichen Abläufe! Denn die Niere kommuniziert mit Leber, Galle, Herz und anderen Körperorganen sowie mit der Psyche. Deshalb redet man ja auch von psychosomatischen Krankheiten, also körperlichen Symptomen, die durch eine psychische Indisponiertheit ausgelöst wurden.

Geht es nur um Geist, Psyche und Seele, kann sich der Grad der Vermurkstheit in zahlreichen international klassifizierten Krankheitsbildern niederschlagen. Es sind so viele, dass sich oft zu Unrecht der berühmte Otto Normalverbraucher gegen wohlmeinende Pychiater und Psychologen mit dem Vorurteil wehrt: „Psychologen haben das Fach nur studiert, um ihren eigenen Fall zu lösen!“ Ich vermag nicht zu beurteilen, ob dies generell zutrifft, verweise aber auf eine durchaus denkbare Parallele zu handwerklichen Tätigkeiten: Do it yourself! Bevor ich wieder auf körperliche Vermurkstheiten zurück komme, noch eine zauberhafte Beschreibung der Kleingebäcks-Problematiken (Eine „Kleingebäcksproblematik“ heißt soviel wie: er oder sie hat „einen an der Waffel“).

Die Unterscheidung zwischen einem „Neurotiker“, einem „Psychotiker“ und einem „Therapeuten“ kann wie folgt beschrieben werden: Der Neurotiker baut die Luftschlösser, der Psychotiker wohnt darin und der Therapeut kassiert die Miete! Wir sollten allen dreien durch aktives Zuhören Respekt verschaffen. Aber was heißt dann in diesem Zusammenhang: „Ich bin ganz Ohr“? Oder heißt es etwa: „Ich bin Gans-Ohr“? Gänse schnattern viel, aber ich habe noch keine Gans mit Ohren gesehen. Vielleicht erklärt dies auch den Unterschied zwischen Ohrenschmalz und Gänseschmalz. Obwohl die berühmte Madeleine de Scudery ja gesagt hat: Das Ohr ist der Weg zum Herzen! Da Gänse ein Herz haben, müssten sie ja auch Ohren haben, um beim Ausnehmen der weihnachtlich Geschlachteten zum Herzen zu gelangen.

Und schon sind wir wieder beim Unterschied von „Sein“ und „Haben“. Man hat „Gefühle“, „einen Riecher“, „ein Herz“, „den Überblick“, einen „guten Geschmack“ – ist aber ganz Ohr! Vielleicht liegt es ja daran, dass das Ohr die Form eines Embryos hat und wir damit uns selbst als vorgeburtliche menschliche Wesen wieder erkennen. Embryos wohnen ja bekanntlich in der Hystera, also der Gebärmutter! Und hysterische Menschen sind bekannt für ihre Lautstärke und den kreischenden Ton. Das Auditive, also Klangliche, findet nicht nur im Namen der Nobel-Automarke „Audi“ – benannt nach dem Begründer Horch seinen Niederschlag, sondern auch in der Kommunikation bestimmter Kreise.

So sprechen die Angehörigen des schon immer kommerziell ausgerichteten „Erotik-Hochadels“ – also die echten ’Porno-Grafen’ in näselndem und herablassendem Ton von „vaginal-auditiven Typen“, wenn sie Mitmenschen für „schlitzohrig“ halten. Schlitzohrigkeit bezeichnet eine gewisse Durchtriebenheit bzw. Agrar-Intelligenz, was soviel wie Bauernschläue bedeutet. Auch da sagt die Sprache „er ist ein Schlitzohr“ und nicht „er hat ein Schlitzohr“. Ohren haben also eine große Bedeutung. Sogar in der Politik.

So trat die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, von Freunden auch „Schnarre“ genannt, wegen des politisch geplanten großen „Lauschangriffs“ zurück. Das ist für eine liberale Politikerin auch kein Wunder, denn der einstige Bundesaußenminister und jetzige Ehrenvorsitzende der FDP, Hans-Dietrich Genscher, machte nicht nur wegen seiner besonders hohen Fähigkeiten in der Diplomatie von sich reden, sondern auch wegen seiner großen Ohren. Bei den Ohren waren Lauschangriffe für die Liberalen eben komplett überflüssig. Und Genscher war sehr beliebt, weil er ein guter Zuhörer war, dem man aber auch gern Gehör schenkte.

Trotzdem ist es komisch: „Wir sind ganz Ohr“ und haben die anderen vier Sinne! Aber vielleicht sollten wir außer einer gewissen Nachdenklichkeit über den Unterschied von Sein und Haben nicht allzu viel Bedeutung beimessen. Als mir kürzlich eine sehr sympathische Dame ihren Lebensstil mit den Worten umriss: „Ich bin ganz Frau“ reagierte ich neugierig mit den Worten „Ich bin ganz Ohr“. Dabei merkte ich, dass mein gesamtes menschliches Wesen nicht auf das eine Organ zusammenschrumpfte. Im Gegenteil. Es kam sogar zu körperlichen Ausdehnungen.

Insofern halte ich es nun mit dem berühmten italienischen Fußballtrainer Trappatoni, der am Ende eines medienwirksamen Wutausbruchs nicht sagte: „Ich bin fertig“, sondern „Ich habe fertig“! In diesem Sinne: „Ich habe fertig!“

© Cay Baronvon Brockdorff

Erfa�t am: 03.03.2010 - 17:00 Uhr