Cay von Brockdorff Februar Kurzgeschichte

„Sprachkürze gibt Denkweite!“

Cay Baron v. Brockdorff


Es geschah an einem wunderschönen Herbsttag in Plön. Ich genoss auf einer Parkbank vis à vis der Stadtgrabenstrasse bei strahlendblauem Himmel den Oktober. Vor mir lag eine parkähnlich angelegte gut gemähte Wiese mit Spielgerät für die Kinder: eine Wippe, eine Schaukel, ein Sandkasten! Plötzlich erschienen fröhlich lachende Kinder, wippten und schaukelten! Sie waren absolut freundlich, fröhlich und vom Verhalten her genießbar! Das galt nicht für die begleitenden Mütter, die auf der Bank neben mir Platz genommen hatten. Sie beobachten noch nicht einmal ihre spielenden Kinder, sondern tauschten sich lautstark über ihre Frauenarztbesuche der letzten Zeit aus. Die dabei offenbarten DetailsihrerTermine „unten rum“ vermittelten mir zwar ein gynäkologisches „Flachwissen“, doch der ganze, lautstark geführte Dialog nervte mich komplett. Kein Mann würde über mögliche Potenzprobleme, Orgasmusschwierigkeiten oder über eine vergrößerte Prostata so reden, wie die Damen neben mir über ihren individuellen Unterbau und den sogenannten„Mittelbereich unterhalb des Bauchnabels“ quasselten. Ich versuchte, die teilweise widerlichen Inhalte auszublenden und konzentrierte mich deshalb mehr auf die Sprachstruktur. In dem Moment, als ich mich dafür entschied, mich nur auf die Sprachstruktur zu konzentrieren, schwenkten die Damen erfreulicherweise auf das Thema Kinder, Erziehung und Ernährung über! Ich dankte dem Schöpfer für dieses thematische Geschenk und stellte fest, dass die Damen viele Dinge im Dialog hätten kürzer formulieren können. Speziell bei der Anwendung des Konjunktivs taten sie sich beide schwer. Sie benutzten meistens den Konjunktiv II, statt den sich am Präteritum orientierenden Konjunktiv I zu verwenden. Um nicht Sie als Leser in ein Grammatik-Studium zu treiben, hier einige Beispiele der Sprachverkürzung:

„ Wenn Dennis mehr Obst essen würde, würde er auch seine Verstopfungsprobleme in den Griff bekommen!“

Kürzer: „Äße Dennis mehr Obst, schisse er flotter!“

„Wenn Jessica nicht so viellügen würde, würde man ihr viel mehr Glauben schenken!“ – Kürzer:

„Löge Jessica weniger, glaubte man ihr mehr!“

Fast eine Zeile gespart! Super! – Oder:

„Wenn Paul sich ein bisschen mehr auf den Hosenboden setzen würde, würde er in der Schule besser voran kommen!“ – Kürzer:

„ Setzte sich Paul mehr auf den Hosenboden, käme er besser in der Schule voran!“

Es ist also anzudenken, ob die eher im 19. Jahrhundert gebräuchlichere kürzere Form, der neueren – meist mit ‚würde’ eingeleiteten längeren Möglichkeitsform (Konjunktiv) vorzuziehen ist!

Noch interessanter ist es, sich im Internet- und Handy-Zeitalter der offensichtlich global verbindenden Abkürzungen für Netzbenutzer hin zu geben. Abkürzungen hatten schon immer international eine besonders hochrangige Bedeutung! SOS = Save our souls (Rettet unsere Seelen!) wird von jedem auf der Welt verstanden! Seit dem Untergang der Titanic weiß auch jeder an Land gebliebene Mensch, dass es sich um einen Notruf höchster Alarmstufe in der Schifffahrt handelt! In der Luftfahrt funkt man „Mayday“ (Mai-Tag), bevor die Maschine höchstwahrscheinlich abschmiert! Nun ist es in Deutschland gar nicht so einfach, mit englischen Abkürzungen Staat zu machen. Der gegenwärtige Verkehrsminister Ramsauer wollte wohl mit seiner innerministeriellen Anweisung, auf Anglizismen zukünftig zu verzichten, seinem mit hochgradig abstoßendem Dilletanten – Englisch kommunizierenden EU-Kommissar Oettinger beispringen.

Heißt es nun zukünftig auf den orangefarbenen Rettungssäulen statt SOS (was jeder dänische, holländische oder schweizer Autofahrer verstünde) zukünftigRUS = Rettet unsere Seelen? Könnte dies nicht auch von russischen LKW-Fahrern als Zwangshaltestation für Trucks aus Russland gehalten werden, deren Landeskennzeichen RUS dann auf den in Leuchtfarben erstrahlendenRettungssäulen sichtbar wäre? Oder müssten Sportflieger, bevor sie in die Baumwipfel wegen zu niedriger Flughöhe stürzen, statt „Mayday“ zu funken, dem Tower vorsingen: „Der Mai ist gekommen! Ich stürze gerade ab! Der Mai ist gekommen, legt mir Blümchen aufs Grab!....“ Und das in der Melodie des alten Volksliedes! Natürlich könnte dann der Tower keine rettenden Ideen zur Flughöhe mehr übermitteln.

Aber wenn ich an das gynäkologische Geschwätz der beiden auf der Parkbank parlierenden Frauen zurückdenke, hätte ich ihnen gern die Buchstabenfolge OMFG zugerufen, was unter Netz-Usern so viel heißt wie „Oh My Fucking God“ – zu Deutsch: „Ach Du heilige Scheiße!“ Kurz, prägnant: einfach elegant! Und dann hätte ich STFU ergänzt, was in voller Ausdruckslänge soviel heißt wie „Shut The Fuck Up“, zu gut Deutsch: „Sei(d), verdammt noch mal,still“ bzw. „Maul halten!“

So hätte ich ohne größereverbale Auswüchse meinen emotionalen Unmut über dieses geschmacklose gynäkologische „F(l)achgespräch“ mit geringstem sprachlichen Aufwand kund tun können! Was aber ist mit romantischen Situationen im Alltagsleben? Soll man sich dann auch des Netzjargons bedienen? Tun wir mal so, als verliebte sich der bodenständige Karl-Theodor in seine anmutige Büro-Kollegin Gretel über beide Ohren. Aus seinem Kurzurlaub zurück, entscheidet er sich für eine „Liebeserklärung“ per hausinternemIntranet. Die Botschaft könnte bei Gretel wie folgt auf dem Schirm erscheinen: „RE,w00t, NWTLY, HDGDL. :-X, AAMOF, HDGDL,SCNR Dir das zu sagen. Willst Du meine SO werden? Wie würde man es dem Netzjargon ledigen Leser übersetzen?

RE = Bin zurück!

W00t= Juhuu

NWTLY = Möchte Dich niemals verlieren!

HDGL= Habe Dich ganz doll lieb!

:-X = Knutscher

AAMOF= Tatsache ist,…

HDGDL= Habe Dich ganz doll lieb!

SCNR= Entschuldigung, aber ich konnte nicht widerstehen, Dir das zu sagen.

SO = „Bessere Hälfte“ (Willst Du meine Lebenspartnerin werden?)

Angenommen, die zauberhafte Gretel befindet sich bereits in festen Händen und will Karl-Theodor noch eins auswischen, dann antwortet sie etwa: „2L8, 4U, AAMOF, ich sage Dir mit FG: FU, EOD, kB, LMFAO, ROFLMAO, HAND!

2L8 (too late ) = ZU SPÄT!

4U (for you )= FÜR DICH

AAMOF (As a matter of fact) = Tatsache ist…)

FG (fieses oder freches Grinsen) = Ich sage Dir mit frechem Grinsen

FU („Fuck you!“) = Fick Dich! / Scheiß drauf!

EOD (End of Discussion) = Ende der Diskussion

kB (kein Bock) = keine Lust, keinen Bock

LMFAO („Laughing My Fucking Ass Off) = „Lache mir meinen verdammten Arsch ab“

ROFLAMO (Rolling on the floor laughing my ass off) = Wälze mich auf dem Boden und lache meinen Arsch ab!)

HAND („Have a nice day!) = “ Schönen Tag noch!”

Irgend wie entbehrt eine derartige, in Grobmuster gepresste Sprache, zärtlicher Romantik, selbst wenn Gretel zustimmend auf Karl-Theodors Begierden eingegangen wäre. Also doch Prosa mit schwülstigster Wortwahl? So wie in den berühmten Arzt- und Liebesromanen, von denen sich ach so viele Frauen verzaubern lassen?

Machen wir einen Versuch: „ Es war ein lauer Abend Ende Mai. Karl-Theodor hatte sich in die zarte, blauäugige, superblonde und feingliedrige Gretel verliebt! Auch von ihr ging ein inneres Feuer in Richtung Karl-Theodor aus. Sie war sich noch nicht ganz sicher, ob sie ihn für immer um den Finger wickeln konnte! Aber sie war dazu bereit! Deshalb hatte sie sich sehr aufreizend geschminkt und gekleidet. Sie hielt sich an die Erkenntnis ihrer Großmutter mütterlicherseits: „hohe Schuhe, schicke Haare lange Nägel verführen jeden Flegel!“ Als gelernte Friseuse wusste sie diese Erkenntnisse geschickt umzusetzen und krönte sie noch zusätzlich mit einem Mini-Lederrock, der ihre grazilen Beine voll zur Geltung brachte. Und was hatte die Großmutter noch empfohlen? „Trage höchste Pumps – dann kömmts!“ „Ach, war Oma klug“, dachte Gretel, als Sie sich an diesem lauen Frühsommertag den großmütterlichen Rat befolgte. Karl-Theodor hatte ganz weltmännisch den Parkplatz in der Stadtgrabenstraße in Plön angesteuert, brav einen Parkschein gezogen und dann Gretel untergehakt, um das Weib seiner Begierde über das Kopfsteinpflaster in das Restaurant „Eisenpfanne“ schweben zu lassen! Schweben war gut, denn die 16 cm hohen Stilettos erhöhten zwar die erotische Ausstrahlung der zerbrechlichen Schönheit, gefährdeten aber aus orthopädischer Sicht nicht nur die Wirbelsäule sondern erhöhten auch die Stolpergefahr! Sicher im Restaurant angekommen, machten sie es sich auf den für sie reservierten Plätzen gemütlich. Sie saßen einander gegenüber, Händchen haltend und der Beweis, dass beide in einander verliebt waren, war durch die glänzenden vergrößerten Pupillen erbracht! Aber das war beiden gar nicht bewusst! Spürbar war die innigliche Hitze, die von ihren Waden und Unterschenkeln auf den jeweils anderen übersprang. Sie genossen die versteckten Berührungen ihrer Knie unterhalb der Tischkante und die ineinander verschmelzenden Hände, die ein Höchstmaß an Zärtlichkeit dokumentierten. Gretel bestellte Kalorien bewusst einen Salat und Karl-Theodor Scampis in Knoblauchsauce. Das sollte sich später als Fehler heraus stellen. Zwischendurch verschwand Gretel immer wieder auf Toilette! Nicht, weil sie die Notdurft drängte, sondern weil sie bulimisch war.

Ihre Bulimiewar das Geheimnis ihrer schlanken Figur! Und die wollte sie für ihren geliebten Karl-Theodor auf Dauer erhalten. So kotzte sie jedes Salatblatt und jeden Tropfen Dressing wieder heraus. Was sich späterebenfalls als Fehler heraus stellen sollte! Lächelnd und stets mit frisch überarbeitetem Make-up kam sie aufreizend an den Tisch zurück und das „Turteln“ oberhalb und unterhalb der Tischkante wurde nahtlos fortgesetzt. Am liebsten hätte Karl-Theodor seine Gretel als Nachtisch vernascht! Aber es war ihr erster gemeinsamer Abend und die Grenzen des Benimms geboten ihm Einhalt!

Als beide gesättigt waren, verließen sie beschwingt das Lokal und nur allzu gerne ließ sich Gretel von Karl-Theodor davon überzeugen, dass ein Aufenthalt in der wunderschönen Natur der Holsteinischen Schweiz angesichts des sternenklaren Himmels und des frischen Grüns in den Bäumen eine wunderbare Abrundung ihres ersten Dates ergäbe! Er kannte ein wunderschönes Plätzchen mit herrlichem Baumbestand am großen Plöner See, mit einer einladenden Parkbank, etwas Sandstrand und unschätzbarer Ruhe für Zweisamkeiten. Doch kaum saßen die beiden im Wagen, wurde Gretel schon ein wenig übel. Der penetrante Knoblauchgeruch aus Karl-Theodors Mund löste in ihrer Magengegend ein merkwürdiges Rumoren aus. Und die durch das ständige gezielte Erbrechen überreizten Magenschleimhäute ließen die Magensäure durch die Speiseröhre in den Mundraum schießen. Gretel war dies alles widerlich, zumal sie wusste, dass die Magensäure schon begonnen hatte, ihren Zahnschmelz anzufressen! Und nun sollte sie sich dem von ihr zwar sehr geliebten Karl-Theodor mit einer so penetranten Knoblauchfahne auf einer Parkbank am See im Mondschein hingeben? Plötzlich wurde ihr Körper steif! Sie dachte natürlich auch: „ Rieche ich möglicherweise nach Erbrochenem aus dem Mund? Es war alles vergebens. Der Wagen hielt direkt hinter der angekündigten Parkbank. Die Bäume ringsherum waren vom Vollmond- Licht durchflutet und bei ganz geringem Windhauch schlugen die Wellen des Großen Plöner Sees leise und regelmäßig auf dem hellweißen Sandstreifen am Ufer des Sees auf. War es nun Zufall oder Mundgeruch? Plötzlich fiel eine Eule tot von einem Ast, der sich über der Bank des Liebespaares befand. Die Maulwürfe zogen sich diskret in ihre unterirdischen Behausungen zurück und die bis dahin fröhlich zwitschernden Singvögel verstummten nach und nach. „Konnte eine noch so starke Knoblauchfahne die Natur so nachhaltig beeinflussen?“ war Gretels naheliegender Gedanke! Und als Karl-Theodor verliebt den Arm um sie schlang und sie zu herzen begann, blickte sie starr nach vorn, um möglichst wenig von dem „Knobi-Duft“ mitzubekommen. Andererseits wollte sie auch nicht ihre Bulemie bedingten Magensaft-Gerüche in das Gesicht von Karl-Theodor hauchen. Bis zu einer konkreten Lösung galt bei ihr eine absoluteAbwehrstrategie. Karl-Theodor rückte immer näher und seine zärtlichen Hände fanden schnell Wege zu ihren intimsten Körperstellen. Aber als er ihren Mund küssen wollte, sagte sie verzweifelt und mit Nachdruck: “ICH HABE SKRUPEL…!“ Karl-Theodor, der das Wort Skrupel nicht kannte und Skrupel für eine Krankheit hielt, antwortete komplett verliebt:“ Macht nichts, ich bin gegen alles geimpft….!“ In ihrer verzweifelten Notlage fingerte sie in ihrer Handtasche herum und fand ein Päckchen mit ganz starken Kaugummi-Dragees, die erfrischend nach Pfefferminz schmeckten! Das war die Lösung. Verliebt schob sie ihm drei Dragees in den Mund und ließ ihn erst einmal kauen: Sie selbst erfrischte ihren Rachenraum ebenfalls mit drei Kaugummi-Dragees. Die Vögel fingen wieder an zu singen und dann fiel Karl-Theodor in einer Weise über sie her, die beide über die Maßen bis zum Morgengrauen entzückte! So nahm alles ein gutes Ende!

Wirklich? Bei mir dämmerten die Zweifel! Bin ich mit den Damen auf der Parkbank nicht zu selbstgerecht umgegangen? War meine Ausführlichkeit hinsichtlich Mundgeruch und Bulemie nicht selbst der absolute Romanzenkiller? Habe ich nicht genauso wie die Damen bei Ihren Berichten über die „Termine unten rum“ mich viel zu sehr über die Geruchsbereiche „oben rum“ zu detailliert geäußert? Ich kam zu dem versöhnlichen Ergebnis, dass Sprache in Prosa vieles andeuten und offen lassen darf! Dassaber auch die neue Netzwerksprache auf zu brutale Abkürzungen, in denen„Fuck & Co.“ die Oberhand hätten, in gemäßigtere Ausdrücke übergeleitet werden müssten! Einfach des Charmes wegen! Und vieles in der Kommunikation muss nicht wie auf dem Seziertisch einzeln zerlegt werden. Eine kurze, phantasievolle und Phantasie anregende Sprache mit angenehmem Interpretationsspielraum – wie beim Flirt! Denn: „Sprachkürze gibt Denkweite!“

Erfa�t am: 22.02.2010 - 10:00 Uhr