Cay von Brockdorff April Kurzgeschichte

Das Nahtoderlebnis des Beamten Bodo Baumann


Bodo Baumann war ein gewissenhafter Beamter auf Lebenszeit. Er gehörte zu den peniblen Menschen, deren Lethargie, Entscheidungsunlust bei gleichzeitiger Amtsbesessenheit den Volksmund  zum Ausdruck „Sesselfurzer“ verleiten ließen. Nun gibt es mit Sicherheit im öffentlichen Dienst auch das genaue Gegenteil dieser durch die Steuerzahler alimentierten Mitgeschöpfe der Spezies ‚homo sapiens’, aber zu denen gehörte er beim besten Willen nicht. Er gehörte zu den echten Parasiten, wie sie im Buche stehen. Der Begriff Parasit kennzeichnet übrigens die Beamten im antiken Griechenland, die sich als erste der religiösen Opfergaben in den Tempeln bedienen durften. Im Gegensatz zu anderen Kollegen seiner Dienststelle, die durch vorgetäuschte Krankheiten – wie z.B. simulierte Gesichtszuckungen und andere Ticks – auf eine Frühpensionierung hinarbeiteten, wollte er dem Dienst­herrn noch lange erhalten bleiben. Immerhin war er der erste morgens in der Dienststelle. Gegen 6.30 Uhr nutzte er die Gelegenheit, von seiner Gleitzeitvereinbarung Gebrauch zu machen  und betrat mit Frühstücksbrot und den üblichen Tageszeitungen sein Amtszimmer, also zu einer Zeit, zu der er noch von keinem normalen Bürger behelligt werden konnte. Die frühen Stunden nutzte er nicht nur zur ausgiebigen Lektüre der Tagespresse, sondern zur Benutzung der Amtstoilette, denn er hatte ausgerechnet, dass er bei 200 Arbeitstagen und der Zugrundelegung von acht Litern Wasserverbrauch je Spülung mindestens 1600 Liter Wasser daheim sparen könnte. Außerdem bekam er immer den besten Stellplatz im Behördenparkhaus und sparte in den frühen Morgenstunden viel Kraftstoff, weil zu dem Zeitpunkt die Ampeln in seiner Kreisstadt noch nicht eingeschaltet waren und er freie Fahrt hatte. So genoss er täglich sein Beamtenleben in vollen Zügen und wollte es gern verlängern so lang es ging. Deshalb hatte er sich dazu durchgerungen, eine vom Dienstherrn angebotene Grippeschutzimpfung an sich vornehmen zu lassen. Er hatte sich lange fachlich kundig gemacht und den Amtsarzt mehrfach in der Kantine ausgiebig befragt. Denn Nebenwirkungen wie befürchtete Lähmungserscheinungen oder fiebrige Ausschläge sollten ihm die Freude am gesundheitlichen Schutz nicht trüben. Auch wollte er sich begrifflich sicher fühlen.
Denn einer seiner bayrischen Kollegen hatte sich fit für den Urlaub machen wollen, fuhr zu seinem Hausarzt und sagte: „Herr Doktor, i will mi kastriern lossen.“
Der Arzt riet ihm ausdrücklich davon ab. Doch er bestand mit äußerster Hartnäckigkeit und den Worten: „Na, machens scho, Herr Doktor. Mei Frau wartet unten mit laufendem Motor, kommens endlich zur Sache“.
Der Arzt empfand sich als Dienstleister und erfüllte ihm diesen Wunsch. Als der Patient dann nach dem Eingriff zu seiner Frau in’s Fahrzeug stieg, fragte sie ihn: „Na Sepp, hoast di impfen lassen?“
Da schlug sich der so Befragte an die Stirn und fluchte entsetzt: „Ach dös war des Fremdwort!“
Nein, so etwas konnte Bodo Baumann nicht passieren. Er war aufgeklärt, tapfer und für den schnellen Schuss aus der Impfpistole bereit. Nun stand er in dem kleinen Behandlungszimmer des Betriebsarztes, der ihn bat, für den Schuss einen Oberarm frei  zu machen und den kleinen Piks willkommen zu heißen. Baumann biss die Lippen zusammen, denn er wusste, dass er nun keinen Rückzieher mehr machen konnte, ohne sein Gesicht zu verlieren. Der Schuss schmerzte ihn mehr als er vorher vermutet hatte. Er wimmerte leise und atmete schwer.
Der Impf-Arzt runzelte die Stirn und fragte besorgt: „Wollen Sie hier erst einmal Platz nehmen?“, und wies auf einen in der Ecke stehenden Rollstuhl. Baumann wollte. Er ließ sich ermattet in den Rollstuhl fallen, schloss die Augen und befürchtete, dass dies für immer sein würde.
Während beschwichtigende Stimmen an sein Ohr drangen, die seinen Namen nannten und ihm zu erklären versuchten, dass alles in bester Ordnung sei, fiel er tatsächlich in einen leichten Dämmerschlaf und ein Film seines bewegten Beamtenlebens lief vor seinem geistigen Auge ab. Er dachte an die Höhen und Tiefen seiner unterschiedlichen Karriere-Stationen und wollte partout nicht seine über 200fache Arbeitsplatzsicherheit gegenüber den normalen Arbeitnehmern durch einen Impftod auf’s Spiel setzen.
Ihm fielen sofort auch seine parasitären Verwandten ein. So hatte sein Neffe Alfons in einer großen Flensburger Bundesbehörde das Glück, etwa 1000 weitere Kollegen zu haben. Da war jeden Tag was los. Geburtstage und andere Jubiläen jagten sich so geballt, dass die Arbeitsanforderungen auf den Memory-Stick gespeichert und dann schnell zu Hause abgearbeitet wurden.
Oder seine Lieblingscousine Laura. Sie hatte es geschafft, vom Finanzamt eine 16jährige Auszeit zur Erziehung ihres Sohnes zu nehmen. Durch die Regelbeförderung war sie nun im Range eines Regierungsamtmanns, obwohl sie bei der Behörde als Steuersekretärin angeheuert hatte. Vom aktuellen Stand des Steuerrechts war sie weit entfernt, nicht aber von den Geranien, die sie täglich pflichtbewusst wässerte.
Ja, der öffentliche Dienst hat schon was. Gott sei Dank sind die Sponsoren, also die normalen Steuerzahler geduldig genug, um diese gesellschaftliche Schieflage hinzunehmen.
Während sich Bodo Baumann seiner exzellenten  beruflichen Situation bewusst wurde, stieg im Halbschlaf sein „Impf-Fieber“ um 0,4° an, also auf 37,4°, eine Temperatur die eigentlich einen Kurantrag rechtfertigte.
Während er im Halbschlaf so vor sich hindämmerte und aufgrund des Impfschocks litt, kam eine junge Praktikantin, die vorher als Friseurin im Erzgebirge für 350 Euro 60 Stunden pro Woche geschuftet hatte an seinen Rollstuhl, fächelte ihm zu und sagte: „Hallo, Herr Baumann! Durchhalten! Wir sind Deutschland!”
Der Appell fruchtete! Und so kam er – allen eigenen Befürchtungen zum Trotz – mit dem Leben davon! Fazit: Wenn eine Friseurin aus dem Erzgebirge spricht, stirbt ein Bodo Baumann nicht!

Erfa�t am: 05.04.2010 - 13:35 Uhr