Die Cay Baron von Brockdorff Januar Kurzgeschichte

Die englische Krankheit des Dr. R

Kurzgeschichte von Cay Baron v. Brockdorf


Es ist schon auffällig, wenn ein bayerischer, weltgewandter Politiker, der dazu auch noch eine gewisse Zeit seines Lebens in Eton verbrachte, der englischen Sprache den Rücken kehrt. Zumindest sollen im Verkehrsministerium Anglizismen, also Wörter, die dem Englischen entlehnt sind, verbannt werden. Das Großhirn manchen Landsmannes wird dadurch völlig irritiert und der gemeine, recht und billig denkende Mitbürger fühlt sich durch die Anwandlungen des in Ökonomie  promovierten Müllermeisters gefoppt. Statt sich um die Winterprobleme der Deutschen Bahn nachhaltig zu kümmern, will er das Sprachverhalten seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf einen anderen Zug setzen. Die Richtung heißt: deutsch. Nur – Sprache ist ein dynamischer Prozess und kommt ohne Lehnwörter nicht aus! Und so neu ist seine Forderung auch nicht.

Schon in der ehemaligen sowjetisch besetzten Zone, kurz DDR genannt, war es unfein, sich englischer Begriffe zu bedienen. Anstelle des Wortes Surfen sollte in dem durch einen Zaun geschützten antikapitalistischen Arbeiter- und Bauernstaat der Begriff „Brettsegeln“ verwendet werden. Der ehemalige  Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Sozialdemokrat mit DDR-Vergangenheit, appellierte 2005 auch an das Volk, mehr deutsch zu sprechen, ohne in Deutschtümelei zu verfallen. Die armen Engländer! Die können doch nun wirklich nichts dafür, dass ihre international benutzte Sprache in Handel und Technik einem bayerischen Müllermeister in Regierungsverantwortung nicht gefällt. Und dabei sind englisch anmutende Wörter noch nicht einmal dem Sprachschatz der von uns durch den Ärmelkanal und die Nordsee getrennten Briten entlehnt.

Das Wort Handy ist eine deutsche Erfindung und wenn ein betagtes Automobil vor uns herrollt, sprechen wir von einem Oldtimer. Der Begriff Oldtimer wird aber von den Engländern für ältere Menschen und nicht für antike „Selbstbeweger“, also Automobile verwendet. Und wo liegt der Nutzen für den Bürger, wenn er künftig das Wort Laptop gegen „Klapprechner“ eintauscht? Er muss immerhin eine Silbe mehr aussprechen – und wenn er dieses Wort schreibt – auch seine Druckerpatrone um noch mehr Farbe ersuchen.

Noch schlimmer wird es, wenn wir auf Wörter aus dem Französischen oder gar solche lateinischen Ursprungs verzichten müssten. Da wäre das Volk sprachlos und die Mediziner müssten ohne entsprechendes Vokabular einpacken. So bezeichnete der Begriff Toilette ursprünglich das Tüchlein mit dem man sich optisch bei der Verrichtung der Notdurft von den Blicken anderer abschirmte. Und die kurze und bündige Bezeichnung „Bidet“ kennzeichnet ein niedrig angebrachtes Sitzwaschbecken zur Reinigung der Genitalien, also zu gut deutsch der Geschlechtsorgane. Je nachdem, ob und wo die Düse bei dem Instrument angebracht ist, kann man auch bei dem vorzugsweise von Damen benutzten Sitzwaschbecken von einem Scheidenspüler reden.

Ja, ja die deutsche Sprache verfügt schon über eine gewisse Eleganz. Ein paar Freunde und ich folgten dem Beispiel einer Berliner  studentischen Wohngemeinschaft, die dem Aufruf des ehemaligen Bundestagspräsidenten Thierse folgte, und weitestgehend auf Wörter nicht deutschen Ursprungs verzichtete. Wer dabei erwischt wurde, ein Fremdwort zu benutzen, wurde mit einer Geldstrafe  belegt. Ein Spiel zum reich werden! Hermann und Angela kreuzten überraschend auf und ich bot ihnen einen Platz an: “Nehmt schon mal auf der Couch Platz!“ „Falsch“, konterte Hermann! „Das heißt nicht Couch sondern Sitzbett“ und verlangte von mir 50 Cent! Angela fragte mich: „Wo ist noch einmal in Deinem Haus die Toilette?“ Ich verlangte sofort 50 Cent, weil sie statt des französischen Begriffs hätte Abort oder Notdurftverrichtungseinrichtung verwenden müssen. In Bayern wäre auch das Wort Scheißhäusel durchgegangen. Ich wies sie aber darauf hin, dass mein Altbau im Erdgeschoß nicht über ein niedrig angebrachtes zur Waschung der Geschlechtsorgane vorgesehenes Sitzwaschbecken, also einen Scheidenspüler, verfüge. Das französische Wort mit „B“ durfte ich ja nicht verwenden und Angela konnte eine derartige Einrichtung bei mir nicht nutzen, da nicht vorhanden. „Tja“, meinte Hermann süffisant „die deutsche Sprache liegt wieder groß im Trend“. Ich verlangte sofort 50 Cent, weil das Wort Trend aus dem Englischen entnommen ist und als Verb soviel wie drehen oder umkehren heißt und als Hauptwort soviel wie „Richtung“ bedeutet.

Uns gingen bald die Cent-Stücke aus, zumal ja Cent auch Hundertstel heißt. Bei uns fiel also zumindest geistig der Groschen, dass die gute deutsche Sprache auch elegante Bereicherungen aus anderen Ländern vertrüge. So ist z.B. der  überwiegend von Frauen ausgeübte Beruf „Prostituierte“ dem Lateinischen entnommen, man kann aber auch Hure sagen. Wieder ein Fremdwort! Diesmal dem  Holländischen entnommen! Denn das Verb „huren“ steht für „mieten“! Doch noch nicht einmal der diese Damen untersuchende Amtsarzt würde von einer „Mietfrau“ reden. Zumindest auf den Bahnhöfen will der eifrige Ökonom und oberster Herr über Weichen und Schienenstränge den Begriff „Service-point“ durch „Information“ ersetzen. „Was ist an  ‚Information’ so deutsch?“ fragte Angela zu Recht. Hermann meinte lachend: „Dieses Wort können erfreulicher Weise auch die Franzosen, Engländer und Belgier verstehen!“

Wie er die für Vielfahrer vorgesehenen Warteräume – kurz  DB-Lounges – genannt bezeichnen wird, überlassen wir gern noch seiner ministeriellen Kreativität. Der Oberbayer aus Traunwalchen genießt natürlich den Schutz und die persönliche Sympathie von Menschen anderer Landsmannschaften. Und besserwisserische  bzw. hämische Bemerkungen von Flachland-Germanen wie: “Wenn Du  einen Bayern triffst, triff ihn richtig!“ müssen wir im Zeitalter des Terrorismus (zu deutsch: Zeitalter der Angst- und Schreckensverbreitung) von ihm fern halten.

Auch genetische Überlegungen, die an den Bestseller-Autoren Thilo Sarazzin erinnern, sind mit  Vorsicht zu genießen. Denn angeblich soll der Volksstamm der Bayern durch den Marschbefehl Hannibals an seine Elefanten reitenden Krieger entstanden sein. Bevor Mensch und Tier den mühsamen Weg über die Alpen antraten, rief er „Gen Italien! Schwachsinnige und Fußkranke bleiben hier!“ Diese Legende wird den freundlich jodelnden und Weißwurst verzehrenden Süddeutschen nicht gerecht. Aber Dr. Peter Ramsauer  sollte sich über seinen Technologie überladenen Familiennamen  Gedanken machen. Die Vorsilbe RAM ist im Zeitalter elektronischer Datenverarbeitung die Abkürzung für Random-access-memory, was soviel wie Arbeitsspeicher oder Hauptspeicher heißt. Und ist der RAM erst sauer verliert die Bahn an Power!


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Erfa�t am: 14.01.2011 - 13:47 Uhr