Die Baron von Brockdorff Juli-Kurzgeschichte
Wenn Joschka Josef geblieben wäre

Eine Homage bzw. Huldigung? Wer hätte das nicht gern? Und das etwa durch den berühmtesten Literaturkritiker Deutschlands – Marcel Reich-Ranicki.
Ich habe davon geträumt, dass Marcel Reich-Ranicki, hoch betagt und hoch begabt, aufgefordert wurde, dem vielen unvergessenen grünen Expolitiker, Vizekanzler und Bundesaußenminister a. D. Dr. hc. Dr. hc. Joseph Martin Fischer eine Huldigung entgegenbringen müss­te.
Joseph Martin „Joschka“ Fischer, ein umtriebiger Gelegenheitsarbeiter, stieg auf in die höchsten Sphären der Macht. Er, der sich in seiner Jugend gegen jede Form von Bildung wehrte, war als Führer der Grünen zur Bildung bereit: nämlich zur Bildung der rot-grünen Koalition 1998 unter der Führung von Gerhard Schröder. Ein gebildeter Mann, jemand der an seiner Bildung durch die politischen Verhältnisse in einer schrecklichen politischen Epoche nicht gehindert aber behindert wurde, nämlich Marcel Reich-Ranicki steht plötzlich, so träumte ich, in einem überfüllten Saal und spricht in seiner einmaligen Tonalität, mit dem ausdrucksvollen ‚r’ sowie einmalig ausgesprochenen ‚z’ und ‚s’-Lauten, über den Mann, der trotz der Zugehörigkeit zu einer Friedenspartei 1999 die völkerrechtlich umstrittene Beteiligung deutscher Soldaten an Kampfeinsätzen im Kosovo-Krieg befürwortete.
Reich-Ranicki beginnt in meinem Traum mit einem freundlichen Lächeln und der Entgegennahme minutenlangen Antrittsapplauses. Dann hebt der am 2. Juni 1920 in Wloclawek pünktlich geborene Spross einer assimilierten jüdischen, deutsch-polnischen Mittelstandsfamilie zu sprechen an.
Übrigens, man kann bei Reich-Ranicki deshalb von einer pünktlichen Geburt sprechen, weil er sonst so ein dramatisches und ereignisreiches Leben gar nicht erlebt hätte.
Reich-Ranicki beginnt mit Gemeinsamkeiten, weist in seiner von mir geträumten Rede aber schon auf Gegensätze hin. Der Text lautete etwa so: „Herr Fischer, es ist ein wunderschöner Anlass, heute einmal über einen quer denkenden Geist unserer Zeit ein passendes Urteil zu fällen, nämlich Sie. Man hat mich schon oft als „Scharfrichter der Literaturkritik“ und als „Literaturpapst“ bezeichnet. Ich werde weder ironisch noch selbstironisch auf die Begriffe Scharfrichter und Papst zurückkommen, kann Sie aber schon jetzt damit trösten, dass ich auch an den von mir kritisierten Zielpersonen öfter mal ein gutes Haar lasse. In meinem Werk „Lauter Lobreden“ beweise ich anerkennendes Augenmass und gehe gütig mit den kritisierten Literaten um.
Warum sollte ich es nicht mit Ihnen heute genauso machen? Weil heute die Sonne scheint, lasse ich gern noch mehr als ein Gutes Haar an Ihnen, vielleicht sogar hunderte,   denn  Sie  sind  ergraut  und  die  vor  Jahren  medienwirksam gezeigten körperlichen Torturen des Dauerlaufs zur Gewichtskontrolle versagen zwi­schen­zeitlich auch, weil Sie wieder in die Breite gegangen sind. Verflogen ist der jugendliche Schlankheitswahn, zurückgekehrt ist die Verfressenheit, und blicken wir ganz weit zurück, hat ein Jahr, das Jahr 1948 eine besondere Bedeutung. 1948 wurde mein Sohn Andrzej Alexander geboren, Israel wurde gegründet und auch Sie erblickten das Licht der Welt. Israel nahm damals noch keine Notiz von Ihnen, denn Ihren Geburtsort Gerabronn kannte und kennen dort nur sehr wenige. Man hätte also Ihre Geburt übersehen können. Das ist sehr menschlich, denn viele, viele Jahre vor Ihnen übersah man trotz intensiver Beleuchtung auch fast einen Ort namens Bethlehem. Dort wurde jemand geboren, den drei Könige nachts nicht gefunden hätten, wenn Erleuchtung und Beleuchtung nicht gestimmt hätten. Als ehemaliger hessischer Staatsminister für Umwelt und Energie sollte Ihnen da ein öffentliches, religiöses Licht aufgehen. – Und was ist mit Ihrer eigenen Religiosität? Sie haben eine geraume Zeit als Ministrant gearbeitet. Meine Frau Teofila, die sich in Ihrer Biographie gut auskennt, hat sich Gedanken darüber gemacht. Sie kocht gerne, gut und koscher. Deshalb ging ihr liebenswürdigerweise – als sie an Ihren Karriere-Start als katholischer Ministrant dachte – folgender Gedanke durch den Kopf: „Lieber eine heiße Minestrone als ein renitenter Ministrant!“ Warum hat Ihnen Ihr Glaube nicht weitergeholfen, das Gottlieb-Daimler-Gymnasium weiter zu besuchen? War es später nur Faulheit oder mangelnde Geschicklichkeit, dass Sie die Lehre zum Fotografen in Fellbach 1966 abbrachen? Ich war froh, dass ich in Berlin trotz aufkeimendem Nazi-Terror noch 1937 mein Abitur machen durfte. Bildung als Kostbarkeit! Aber ich halte es Ihnen nicht vor, dass Sie ein absoluter schulischer Versager und eine Niete als Lehrling waren. Sie hatten Ihre Gründe. Und waren nicht Sie der Mann, der schon in jungen Jahren den folgenden Satz aus tiefster Überzeugung formulierte: „Nur dumme Leute müssen studieren – kluge wissen schon alles!“?
„1966 war ein schweres Jahr für Sie. Der Tod Ihres Vaters und Ihrer Schwester waren schwere menschliche Prüfungen für Sie. Jedoch, die einzige staatliche Prüfung, der Sie sich unterzogen, war die Fahrprüfung, denn Sie wollten ja vorwärts kommen. Sie waren zwar Mitglied der Studentenbewegung, aber nie Student. Dafür waren Sie immer renitent! Lag es im Blut? War es Ihnen in die Wiege gegeben? Immerhin haben Ihre Eltern unfreiwillig Ungarn verlassen müssen. Das war 1946. Hatte Ihre Mutter darüber soviel Wut im Bauch, dass Sie schon über das Fruchtwasser die Kunst des sich Widersetzens erwarben? Oder lag es am Erbgut des Vaters? Als Schlachter hat er sich ja schon berufsmäßig mit der Gewaltausübung gegenüber Lebewesen befasst. Lagen diese Fähigkeiten des Widerstandes und der Gewaltbefürwortung Ihnen schon im Blut, oder hat sich vieles erst später entwickelt?
Meine Frau Teofila, eine sehr treue Seele, fragte sich immer: „Wieso braucht dieser Mann fünf Ehen? Warum widersetzt er sich immer wieder der Fortsetzung seiner Lebensabschnittsbeziehungen? Hat die katholische Glaubenslehre so wenig Kraft über einen ehemaligen Ministranten, dass dieser vom Leben verlangte: „Give me five!“
Aber kommen wir von der Beweibung zur Bewaffnung! Neben Ihrer aktiven Beteiligung an Straßenkämpfen haftet Ihnen auch an, sich aktiv an der Diskussion über die Verwendung von Molotowcocktails anlässlich der Demonstration zum Tode Ulrike Meinhofs beteiligt zu haben. Auf jeden Fall wurde nachgewiesen, dass die Waffe, mit der der hessische Wirtschaftminister Heinz-Herbert Karry 1981 ermordet wurde, bereits 1973 in Ihrem Automobil neben anderen aus einer amerikanischen Kaserne gestohlenen Schusswaffen transportiert worden war. Auch ich habe mich im Widerstand organisiert. Sie können sich gar nicht die grausamen Lebensbedingungen im Warschauer Ghetto vorstellen. Die waren etwas anders als die im Frankfurter Westend. Ich habe natürlich an Aktivitäten des Widerstandes der Juden teilgenommen – einfach um zu überleben.
Sie sind auch ein Meister des Überlebens. Als nie richtig ausgebildeter Mensch haben Sie sich Geld als Übersetzer verdient, neben anderen Aushilfsjobs im Buchhandel. Somit kreuzen sich unsere Berührungspunkte im Gebiet der Literatur. Sie waren im Handel, ich ständig in der Rezension und in Redaktionen tätig. Und als Übersetzer halfen mir meine sprachlichen Fähigkeiten, damals im Warschauer Ghetto als verbaler Mittler zwischen dem Ältestenrat und den Nazis zu überleben.
Als amüsant empfinde ich unsere Entscheidung zur Änderung unserer Vornamen. Bei meinem ursprünglichen Vornamen MARCELI ließ ich einfach das „I“ weg. Es steht ja symbolisch für Inhaftierung. Und an diese unmenschliche Zeit meines Lebens möchte ich ungern erinnert werden. Ansonsten bin ich mit der Buchstaben -folge meines Vornamens sehr zufrieden. Jeder Buchstabe ist der Anfangsbuchstabe eines Wortes – und die Reihenfolge ergibt einen auf mich zutreffenden Satz: Mich animieren Rezensionen, Charisma, Ehe, Literatur!
Bei Josef – übrigens der Verlobte, der in Bethlehem niedergekommenen Maria – verhält es sich anders. Natürlich kann ich als Pole sagen: „Das ist die Abkürzung für‚ Jaruzelski opfert seine eigenen Freunde’“ und damit auf die Mitbeteiligung an der Niederschlagung des Prager Frühlings durch den Vorgänger von Lech Walesa im Präsidentenamt hinweisen! Aber dieser dem niedrigen polnischen Adel entstammende General ist doch bezogen auf Ihre Person irrelevant. Für Sie bedeutete JOSEF in einer bestimmten Lebensphase „Jobs ohne sicheres Einkommen finden!“ Bei Ihnen trug die Wandlung in Joschka zu einer Mutation vom Ministranten zum Minister bei. Denn der Name Joschka symbolisiert: „Jeder ohne Schulabschluss kann antreten!“
Das gilt inzwischen auch für Bundestagskandidaten anderer Parteien. Insofern haben unser beider Namensänderungen Sinn gemacht.
Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang mit scharfzüngigster Ironie an einen unserer politischen Gegner, der mit seinem Namen Peter Hitler auf eine behördliche Namensänderung drängte. Der mit diesem Fall betraute Beamte zeigte Verständnis, weil er dem Mann helfen wollte, von des Massenmörders und Diktators Namen loszukommen. Doch dieser wollte das gar nicht. Er wünschte, dass sein Vorname Peter in „Adolf“ geändert würde. Also: Namensänderung ist nicht gleich Namensänderung!
Ich vergaß zu erwähnen, dass Ihr ursprünglicher Vorname nicht mit ‚f’ sondern mit ‚ph’ endete, so wie man einst „Telephon“ schrieb. Aber auch ein ganz verfluchter Demagoge namens Göbbels trug den Namen Joseph mit „PH“. Er, der mit seinem Klumpfuß an den Pferdefuß des Teufels erinnerte, war ein wahrhaftiger Meister übelster Rhetorik. Vielleicht haben Sie unbewusst als Kontrastprogramm zu diesem Namensbruder Ihre Rhetorik anfangs in Turnschuhen ausgeübt.
Wir beide haben übrigens nicht nur unsere Vornamen geändert, sondern jeder von uns hatte seine eigene Visa-Affaire. Während ich als Vizekonsul der polnischen Botschaft 1948 einem Verwandten ohne Placet meiner Vorgesetzten ein Visum ausstellte, haben Sie bekanntlich unter dem Deckmantel der Förderung von Reisefreiheit eine Flut von Visumsanträgen in diversen Botschaften Osteuropas zugelassen. Angeblich sollen Schleuser, Nutten und andere zwielichtige Gestalten davon besonders profitiert haben. Aber was ist schon ein Fall als Vizekonsul in London gegen etwa 250.000 Fälle als Vizekanzler in Berlin?
Wenn ich unser beider Leben vergleiche, so komme ich zu dem Schluss, dass meines härter war als das Ihre!  Meine Jugend und meine Zeit im Warschauer Ghetto, ja die gesamte Zeit bis 1945 – und auch danach – haben  mich hart gemacht, denn was einen nicht umbringt härtet ab.
Sie sind bei aller Bereitschaft zum Widerstand immer weichere Pfade gegangen als ich. Vielleicht verfüge ich deshalb über mehr Ehrendoktorhüte und Gastprofessuren als Sie. Aber irgendwie muss es ja auch Unterschiede geben zwischen dem, der was gelernt hat und zu sich selbst steht und dem, der jeden Sinneswandel und jedes Abweichen von Grundwerten in der Politik mit  einem sogenannten Lernprozess  begründet.
Bitte empfinden Sie diese Worte nicht als Seitenhieb gegen Sie. Insgeheim bewundere ich natürlich auch Ihre brillante Rhetorik und Fähigkeit, andere mitzureißen. Und eine nahtlose Schulbildung ist nicht alles. Vieles, was Sie an gesellschaftlichem Frust in der De­mo-Szene abgebaut haben, ist weg und bedarf keiner Therapie mehr. Insofern sind Sie durch Ihren Lebensweg gereift und im wahrsten Sinne des Wortes gerundet.
Sehen wir es wie beim Obst, der harte Kern bleibt, die Schale wird inkonsistent, weich und faul. Und ich gehöre auf jeden Fall zum harten Kern. Auch wenn ich mir bei Ihnen nicht ganz sicher bin, ob auch Sie harter Kern oder eher weiche Schale sind, stelle ich fest: für Ihre Verdienste um die Aussöhnung der arabischen Welt mit  Israel möchte ich Sie küssen.
Die gebildete Persönlichkeit aus Frankfurt-Dornbusch geht also auf eine ehemalige Spitzenpersönlichkeit der „Frankfurter Krawallerie“ zu, um sie zu umarmen. Man könnte auch sagen: „Harter Kern küsst weiche Schale“.
Und sollten Sie, lieber Joschka Fischer, nach Ihrem vollzogenen Ausscheiden aus der Politik wieder von Ihrem Personenbeförderungsschein – und sei es aus Langeweile – in Berlin wieder Gebrauch machen, ich bestelle gern Ihren Wagen. Die Fahrt wird sicherlich nicht langweilig!“
Ich erwachte aus dem Traum, rieb mir die Augen und hatte die richtige Eingebung. Das von Ihnen gerade zu Ende gelesene Buch muss den Titel tragen: „HARTER KERN KÜSST WEICHE SCHALE!“
Erfa�t am: 28.06.2010 - 14:30 Uhr